Allgemein

Und eins und zwei…

„Wir müssen unbedingt mehr Sport machen! Ich stopfe mittlerweile so viele meiner Problemzonen in Shaping-Wäsche, dass ich mich schon gar nicht mehr traue, sie abends auszuziehen. Denn dann sehe ich mich mit der hängenden Realität konfrontiert und kann mich selbst schon gar nicht mehr schön trinken.“

Meine Freundin Charly nahm einen großen Schluck Rotwein. „Und wir sollten mehr auf unsere Ernährung achten und nicht immer Wein trinken, wenn wir uns sehen!“ Ich schenkte uns nach. „Aber ich liebe unsere Mädelsabende, an denen wir einfach mal Frau sein können ohne dieses ganze Verpflichtungsgedöns!“

Charly schaute mich schon leicht angeschickert an. Sie war, genau wie ich, alleinerziehend mit zwei Kindern und versuchte sich möglichst gut durch den Alltag zu manövrieren. Nachdem sie ihre Scheidung gut verdaut hatte, würde sie sich gerne mal wieder verlieben. An schnellen Bekanntschaften mangelte es nicht, doch die meisten Männer schreckten bei einer Frau mit zwei Kindern ziemlich schnell zurück. Für eine lockere One oder Two-Night Geschichte waren sie allerdings alle gern zu haben.

„Na, du hast ja auch leicht reden mit deinem Flachbauch und dem straffen Optimalgroßbusen!“ Ich zog leicht an meinem Bauchweg-Schlüpfer. Mein Busen wäre wahrscheinlich noch mit 80 in knackiger Position, weil die Schwerkraft ihn überhaupt noch nicht gefunden hatte.

Was den Sport betraf, hatte sie recht. Es fing so langsam an, an allen Ecken und Enden zu knacken und wenn ich morgens aufstand und im Flur an dem großen Spiegel vorbeikam, bewegte ich mich manchmal, als wäre ich schon an die 90. Beim nächsten Schluck Rotwein hörten meine Knie auf zu schmerzen.

„Was wollen wir denn machen? Willst du ins Fitnessstudio oder sowas?“ Charly zündete sich eine von ihren „Manchmal-rauche-ich-eine-Zigarette“ Zigaretten an.

„Neeee, lass uns mal langsam starten. Ich glaube, Yoga ist genau das richtige für uns. Ich such uns bei Pinterest ein paar Anfängerübungen raus und wir starten zweimal die Woche!“ Das klang nicht so anstrengend, außerdem soll man mit Yoga im Blitztempo eine Figur vom Feinsten kriegen. Nachdem wir den Wein geleert hatten fühlten wir uns schon ausgesprochen fit. Morgen sollte unser Fitnessprogramm starten.

Morgen:

„Und, wie fandest du unsere erste Yogastunde?“ Ich versuchte zu verdrängen, dass es eher 10 Minuten gewesen waren. Charly hatte einen leicht gequälten Gesichtsausdruck. „Hmmmmm, joa, ich glaube das bringt schon was.“ Als wir versucht hatten aus der Kerzenstellung heraus beide Beine hinter den Ohren abzustellen, brauchten wir 5 Minuten um uns gegenseitig wieder aus dieser Position zu befreien. „Wir könnten auch Walken gehen, oben am Backsmannberg. Das ist eine schöne Strecke.“ Ich ging den Weg gedanklich durch. „Das ist eine tolle Idee, so gelenkschonend. Und auf der Hälfte ist doch der „Waldkater“. „Die haben leckeren Glühwein.“ „Stimmt.“

© Sunny Möller

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Allgemein, Alltagstauglich, Stimmungslage, Zeitgeschehen

Wenn Patch nicht workt

Beim Patchwork, auch Flickenwerk genannt, werden kleine oder größere Stücke aus Soff, Leder, Filz, Pelz, Gewebe aus Seide, Leinen und ähnlichem zu einer größeren Fläche aneinander oder aufeinander zusammengenäht. Ob sie wirklich zusammenpassen oder wollen, können sie nicht äußern, das entscheidet der Patchworker.

Da mittlerweile fast jedes zweite Ehepaar geschieden wird und oftmals Kinder beteiligt sind, kommt nunmehr immer mehr die Patchworkfamilie in Mode. Zwei völlig fremde Familen flickt und schustert man zusammen, denn wat mutt, dat mutt. Wohnt man nah beieinander, werden im Wechselmodell wöchentlich die Kinder ausgetauscht, Stief- und leibliche Kinder verstehen sich, spielen zusammen Ball und gucken abends zusammengekuschelt Sandmännchen. Man trifft sich am Wochenende zum gemeinsamen Grillen und Ex-Mann und neuer Freund schlabbern gemeinsam ein Bierchen, während Ex-Frau und Freundin bei einem Prosecco Rezepte tauschen.

So, oder so ähnlich habe ich mir das vorgestellt. Ich habe es jedenfalls für alle Beteiligten gehofft. Ich würde davon allerdings niemals betroffen sein, denn mein Mann und ich würden mit 70 noch zusammen sein und hädchenhaltend auf einer Parkbank sitzen und unseren Enkel beim Spielen zuschauen. Genau so würde es sein.

Doch dann war plötzlich alles ganz anders. Mein Mann war plötzlich nicht mehr mein Mann und ich fragte mich, ob ich auch irgendwann mit ihm durch die Fußgängerzone gehen würde, um ihn dafür fertig zu machen, dass ich mein halbes Leben lang unglücklich gewesen bin. Würde ich ihm morgens in den Kaffee spucken und meine einzige, verbliebene Freude wäre es, ihm zuzuschauen, wie er ihn trinkt?

Dann verliebte ich mich, keine Affäre oder Liebelei. Ich verliebte mich in einen Menschen, der all das in mir sehen konnte, was ich selbst nicht mehr sah. Was danach folgte, war weder Patch noch work, es war nur Hope for Staying Alive. Kampf, Hass, Trauer, Vorwürfe, ein Ziehen und Hacken in jede Richtung, die wehtut und dabei waren Kinder, die man mit allen Mitteln von diesem sinkenden Familienschiff zu retten versuchte. Oftmals saß ich weinend im Schrank, damit meine Kinder nicht davon wach wurden. Keine Zeit zu trauern, denn sie beobachten dich. Wenn Mami jetzt nicht funktioniert oder einbricht in ihrer Angst und den Gefühlen, zieht sie die Kleinen mit sich. Weiter, weiter, bloß nicht nachdenken und wie soll man da die neue Liebe kosten und frei zusammenwachsen? Gefühlt oftmals völlig aussichtslos.

Doch wenn du fühlst, dass es sich lohnt, stehst du wieder auf, gehst weiter um erneut zu fallen, bleibst schon etwas länger stehen, hörst wieder Lachen und ein freies Atmen, wirst geschubst und fängst manchmal noch an zu treten. Doch ganz zum Schluss, nach sehr viel Zeit, hast du es geschafft, die Nähte halten und die Flicken passen wie von Zauberhand zusammen und endlich workt das Patch! Immer? Nein, nicht immer! ❤

© Sunny Möller

Zur Info

Stieffamilie (ahd. stiof-, ‚hinterblieben‘, ‚verwaist‘) ist eine Familie, bei der mindestens ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Beziehung in die neue Familie miteingebracht hat. Im Rahmen der soziokulturellen Veränderungen der Lebensformen wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familien mit Pflegekindern in der soziologischen Literatur unter diesen Begriff gefasst.

Eine alternative Bezeichnung für diese moderne Definition ist Patchworkfamilie[4] (engl. patchwork, ‚Flick-‘, ‚Stückwerk‘) bzw., vollständig aus dem Englischen übernommen, Patchwork-Family.

Begriffsursprung:

von stief, mit der ursprünglichen Bedeutung: beraubt, verwaist

© Wikipedia, Duden