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Das wird schlimm!

…halb sieben, Samstag morgen. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg ins Schlafzimmer. Hmmmmm. Leichtes Stöhnen vom Mann neben mir. Träumt er von uns? Einer dieser erotischen Träume, die Männer morgens zum (Auf)stehen brachte? Ich musste lächeln. Besser konnte ein Wochenende nicht beginnen. Er räkelte sich. Ich stellte mich schlafend, zog meinen Bauch ein und die Brüste raus. Gleich würde er näher rutschen und mir übers Haar streichen. Ich würde so tun, als sei ich noch viel zu müde für solche morgendlichen Spielereien. Ich würde mich etwas zieren, dann lasziv räkelt, um mich schließlich bereitwillig dem Sturm der Leidenschaft hinzugeben…..

„Ich glaube, ich werde krank!“

HHHÄÄÄÄÄÄHHHHH? OH NEIN, BITTE NICHT DAS BÖSE K WORT!!!!! Ich überlegte kurz. Was hatte ich für Möglichkeiten? Taub stellen? Den Virenangriff mit Sexavancen bekämpfen? Tot stellen? Ich öffnete die Augen und versuchte verständnisvoll zu reagieren.

„Oh nein Baby, was hast du denn?“

Erneutes Stöhnen. (leicht nasal, wusste nicht, dass das geht)

„Ich weiß auch nicht, mein Hals ist kratzig und ich habe das Gefühl meine Augen sind geschwollen. Sind meine Augen geschwollen?“

Er klimperte mit den Augen wie eine kranke Kuh.

„Atmen ist schlimm. Ich konnte die ganze Nacht kaum schlafen, weil ich gemerkt habe, da ist was im Anmarsch…..!“

Er schaute mich gequält an.

Er war gestern mit seinen Kumpels Fußball gucken. Es wurde einiges an Bier getrunken und nach dem Sieg, grölend um die Häuser gezogen. Klang nach „After-Suff-Syndrom“! Aber ich wollte nicht gleich stänkern…

„Schatz, das wird höchstens ein kleiner Schnupfen!“

Seine Stimme wurde weinerlicher.

„Aber es pfeift so! Wenn ich atme. Hoffentlich wird das keine Lungenentzündung!“

Er versuchte krampfhaft irgendwelche Fiepgeräusche aus seiner Lunge zu pressen.

„Hörst du das? Hörst du das? Das klingt gar nicht gut!!!“

Ich war genervt.

„Dann geh zu Arzt!“

Jetzt mündete weinerlich in leicht verzweifelt, mit provozierenden Pfeiflauten.

„Aber heute ist Samstag. Da muss ich in die Notaufnahme. Da muss ich stundenlang rum sitzen, zwischen all den Kranken. Und meine Knochen tun auch so weh. Können wir nicht erst mal versuchen, mich hier zu behandeln?“

Mich hier zu behandeln bedeutete, er Pflegestufe 98, ich unfreiwilliges soziales Jahr. Langsam stieg Panik in mir auf.

„Also meine Mama hat mir früher immer Hühnersuppe gekocht. Also nicht dieses gekörnte Zeug, was du immer nimmst. Aus einem echten Huhn. Am besten Bio, bei den Skandalen heute. Mit ein bisschen Gemüse drin, ganz klein geschnibbelt. Dann tut es nicht so weh beim Schlucken. Und sie hat selbst Hustensaft gekocht, aus Zwiebeln und Kandis. Und bei Fieber helfen am besten Wadenwickel, aber die aus Leinen. Keine Mischfaser, wegen der Hautirritationen. Wenn man krank ist, ist die Haut auch total überempfindlich!“

Sagte der Mann, mit dem Polyester-Trikot seiner Lieblingsmannschaft. Mich wunderte sowieso, dass er noch so viel reden konnte und wie er schon „Meine Mama“ sagte…MUTTER, ab spätestens 16 ist es deine MUTTER!!!!! Aber eigentlich ist er richtig toll und ein toller Liebhaber. Echt toll.

„Weißt du was, ich gehe jetzt mal Brötchen holen und bring dir ein paar Sachen aus der Apotheke mit!“

Mit leichtem Hüsteln und Hundeaugen, schaute er mich dankbar an.

„Ach Süße, du bist so lieb! Für mich aber bitte kein Brötchen, ich kann kaum schlucken! Vielleicht machst du mir nachher ein Porridge, kannst du das?“

Im Gegensatz zu ihm, konnte ich schlucken. Einmal, zweimal, nebenbei bis zehn zählen. Ich zog mich an, Jogginghose, Sweater, bloß erst mal raus hier! An der Tür hörte ich noch das Winseln.

„Aber lass dich über die Nebenwirkungen aufklären!“

30 Minuten später, mit allen Heilkräften der Natur und 15 Sprachnachrichten (!!!!), wann ich denn endlich kommen würde, betrat ich das Lazarett. Er hatte sich ins Wohnzimmer umgebettet um sich mit der Playstation abzulenken. Kurzer Seitenblick.

„Wo warst du denn so lange? Ich glaube, jetzt fängt das Fieber an!“

Neben ihm lag eine Seite Millimeter Papier, ein Koordinatensystem, eine eingezeichnete Kurve, Zahlen.

„Was ist das?“

„Meine Fieberkurve!“

„Aber das höchste sind 37.6 Grad!“

Er schaute mich gekränkt an.

„Aber angefangen habe ich bei 37.4! Eine Steigerung von 0.2 Grad in nicht mal einer halben Stunde! Du könntest ruhig etwas sensibler sein!“

Atmen, schlucken, zählen. Ich ging in die Küche. Ich brauchte dringend einen Kaffee. Ich nahm den Löslichen, keine Zeit für mehr. Das Wochenende war nicht so lang. Montag konnte ich wieder arbeiten gehen.

Im Wohnzimmer fiel etwas zu Boden. Das Stöhnen fing wieder an.

„Ich habe plötzlich so Bauchschmerzen, es rumort auch ganz komisch. Ich hoffe nicht, dass ich jetzt auch noch Durchfall kriege! Mama hat….“

Den Rest konnte ich nicht mehr hören, meine Kaffeetasse hatte den Boden berührt. Ich griff zum Hörer, wählte. Endloses Tuten.

„Ja?“

„Ich bin´s Gisela! Du musst kommen! Dein Sohn ist krank!“

Ich wartete auf keine Antwort. Mama würde schon kommen, bewaffnet mit Bio-Hühnern und Wadenwickeln. Nur ich, ich würde gehen. Bewaffnet mit Yogamatte und Saunatuch.

© Sunny Moeller

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Allgemein

Omas Wand!

Meine Freundin Charly war mal weg. So ganz alleine, ohne Kinder. Einfach mal Ruhe von allem. „Sunny, ich brauche dringend eine Auszeit! Ich hab das Gefühl, wenn noch einer an mir rum zerrt, laufe ich Amok!“ Wobei Amok bei Charly bedeutet, dass sie den Zerrern zu Verstehen gibt, dass sie das Zerren doch vielleicht durch Schubsen ersetzen könnten, dann würde zumindest der Schmerz etwas variieren. Gut geschubst landet sie günstiger weise in der Küche und kocht ihren Angreifern noch eine leckere Bolognese. So ist sie und dafür liebe ich sie. Das Herz offen getragen in beiden Händen, jeder kann piksen, trietzen und nehmen so viel er will.

Doch jetzt war Charly einfach weg. Nicht für immer und nicht weit und doch irgendwo im Nirgendwo. Nichts gehört, drei Tage lang. Das ist gut, wenn sie wiederkommt, ist alles ein bisschen besser. Die geholte Luft reicht vielleicht drei Tage länger. Heute waren wir verabredet, Charly und ich. Als ich ins Haus komme, höre ich ihre Stimme. „Juccchhhuuuuuhhhh Sunny! Käffchen?“ Hört sich gut an, sie hört sich gut an.

„Hey, meine Süße! Hast du dich gut erholt?“

„Jep! Und wie! Ich war in der totalen Pampa, bei Freunden, die ich aus dem Studium kenne. Der eine hat total die süße Oma. Im Dorf gab es für alle eine Spieleabend und ich habe ein paar alte Herren beim „Mensch Ärgere Dich Nicht“ abgezockt. Zack, rausgeschmissen, die waren fix und fertig. Das war so toll!“

Ich hatte eher an sowas wie Cocktails schlürfen, schick machen, Tanzbein schwingen und vielleicht ein bisschen Flirten gedacht. Aber nein, Charly stellt die Rausschmissszenen nach und schwärmt vom selbst gemachten Sauerfleisch für 40 Leute. Da konnte irgendetwas nicht stimmen und plötzlich fiel mir auch auf, was das war. Sie hatte eine knallrote Beule am Kopf, die aussah, als hätte sie sich geprügelt. Wahrscheinlich Gehirnerschütterung und dadurch etwas durcheinander.

„Was ist mit deinem Kopf passiert?“

„Pssssssttttt!!!! Sei ruhig und komm mit!!!!“

Verstohlener Blick zu unseren Kindern.

„Das brauchen die nicht hören!“

Sie hatte sich definitiv geprügelt. War ja klar und schon längst überfällig. Ein solch liebenswerter Mensch wie Charly musste doch irgendwann einmal durchdrehen. Ich hoffe nicht, dass sie Leichen hinterlassen hatte.

„Wen hats erwischt? Die alten Herren? Die Dorfjugend? Eine Tussi auf der Straße?“

„Omas Wand!“

„Was?“

Sie braucht mehr Pausen.

„Ich weiß es doch auch nicht so genau. Die süße Oma und dann bin ich da so lang gelaufen und zack, gegen die Wand. Das kann ich doch keinem erzählen!“

Unbedingt mehr Pausen!

„Was hast du denn auf der Arbeit erzählt?“

„Dass sie sich den anderen erst mal angucken sollen!“

„Du bist wirklich gegen eine Wand gerannt?“

„Nein, nicht gegen eine Wand! Es war Omas Wand!“

Die entscheidende Frage lautet, wie bekommt Charly mehr Pausen? Wie bekommen wir alle mehr Pausen? Die nächste Wand kann deine sein.

https://www.youtube.com/watch?v=5PST7Ld4wWU

© Sunny Möller

Allgemein

dancing couple.

Ich verfolge die Bilderflut des wunderbaren Fotografen Daniel Schrödl alias „Stadtauge“ schon seit einiger Zeit, doch bei diesem hier bleibe ich immer wieder hängen und hängen und hängen. Ist es wirklich nur ein „dancing couple“, ein Abschied, ein Wiedersehen oder eine Begrüßung? Sind es tatsächlich Menschen, oder vielleicht auch etwas anderes, was das Wasser zu dieser Spiegelung verleitet hat…?

© Daniel Schrödl „Stadtauge“

STADTAUGE

© Daniel Schrödl

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Wortkunst

Sprichwörtlich

Aus, Maus, Blumenstrauß,
Ende Gelände,
Zappenduster sagte er, es werde Licht,
doch alte Besen kehren nicht,
denn die Lügen mit den kurzen Beinen,
kommen nur auf langen Strecken,
sind die Gänse hinten fett,
und der Hase liegt im Pfeffer,
mit dem Brett vorm Kopf
und den Nagel obendrauf,
könnte ich ne ruhige Kugel schieben,
lass die Kirche schön im Dorf,
ohne Sockenschuss und Vogel,
mach ich mich mal jetzt vom Acker
und Hand aufs Herz
und durch die Blume ins Gesicht,
den roten Faden verlier ich nicht.

 

© Sunny Möller

Allgemein, Stimmungslage

Von Ängsten und Socken

Ich bin schön, intelligent, kreativ und unglaublich selbstbewusst. Ich habe zwei phantastische Kinder und nach dem Scheitern meiner Ehe einen Mann gefunden, der mich glücklich macht. Mein Leben ist perfekt.

Ist das so?

Definitiv!

Bin ich dankbar?

Selbstverständlich!

Habe ich Angst?

Ständig.

Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben kann, ob ich das in die Welt hinausposaunen will. Ich glaube, dass es viele von mir da draußen gibt, die zwei Welten in sich vereinen. Jedenfalls möchte ich das glauben, wenn ich die ganzen schönen, intelligenten, kreativen und unglaublich selbstbewussten Menschen da draußen sehe. In der einen Welt begleitet mich die Angst. Angst unvollkommen zu sein, zu dumm, zu langsam, zu wenig erfolgreich, zu krank um gesund zu sein und zu arm, um reich zu sein. Dauernd trampeln diese Selbstzweifel und Ängste auf mir herum und ich weiß nicht einmal warum. Und in dieser Angst bin ich nicht konsequent.

Nehmen wir an, die Angst ist die Kälte und ich sitze nackt in ihr. Etwas anzuziehen wäre jetzt eine vernünftige Lösung, oder, um sich den Ängsten ganz zu ergeben, nackt zu bleiben und zu erfrieren. Beide Vorgehensweisen bieten eine Lösung. Doch ich wähle keine von ihnen. Ich ziehe mir eine Socke an. Damit wird mir zwar nicht warm, aber zumindest erfriere ich nicht sofort.

Wenn ich dann doch glaube, es zu schaffen, bin ich schon auf dem Weg in den Wald, habe Angst vor der Dunkelheit und beschwere mich über den fehlenden Lichtschalter.

Ich trage also Ängste vor mir her, bei denen ich nicht bereit bin, sie zu überwinden. Es zieht sich wie Kaugummi durch mein Leben und bleibt an jeder neuen Angst kleben, um sie mit ins Boot zu holen. Warum ist das so?

Lösungen, so gut sie auch durchdacht und logisch erscheinen, bediene ich mit einem:“Du hast recht, aber…“ Brauche ich diese Ängste, um mich am Leben zu fühlen? Hat die Vergangenheit so viel hinterlassen, dass ich mich aus der Angst heraus nicht neu erfinden kann? Ist meine Angst vorm Scheitern größer als die Angst selbst?

Ich hoffe, es wird bald Frühling.

© Sunny Möller

Allgemein

Ich bin kein Ausländer! ich bin ein Mensch!

Die ewige „Ausländerproblematik“ geht mir mittlerweile ziemlich auf den nicht vorhandenen Sack. Bestimmte Eigenschaften werden bestimmten Nationen zugeschrieben. Die Deutschen sind pünktlich und fleißig, die Amerikaner oberflächlich, die Engländer legen keinen Wert auf Ordnung und Sauberkeit und Moslems sind frauenfeindlich und die Flüchtlinge wollen sich nicht integrieren. Ist das so? Sind diese Attribute nicht beliebig austauschbar?

Ich kenne genügend Deutsche, die weder fleißig noch pünktlich sind. Die Frauenfeindlichkeit ist völlig unabhängig von der Nationalität, oder glauben wir ernsthaft, ein Leben ohne Kopftuch macht uns zu einer emanzipierten Frau und aus diesem Grund behandeln uns Männer, unabhängig ihrer Herkunft, besser? Und was Ordnung und Sauberkeit angeht, muss mein Sohn wohl ein Engländer sein.

Obwohl die Ausländerfeindlichkeit hierzulande ja hauptsächlich auf äußere Merkmale beschränkt ist. Dunklere Haare, nicht ganz helle Haut, ganz klar, Ausländer. Fazit: böse! Kommt euch das nicht irgendwie bekannt vor?

Gestern sagte ein Kind (kommt aus dem Iran) im Englischunterricht zu mir:“Frau Möller, ich bin nichts! Ich habe keine Identität. Ich bin zwar hier geboren, aber alle beschimpfen mich als Türken, im Iran bin ich ein böser Deutscher und in den USA ein mexikanischer Flüchtling! Warum kann ich nicht einfach ein Mensch sein?

© Sunny Möller

Wortkunst

Des Lebens Linien

Im Abseits vieler tausend Welten
ziehen Zeiten mühelos vorbei.
Linien sieht man allzu selten
im herkömmlichen Nichts ein Einerlei.

Doch bricht sie dann ein starker Wille,
wie ein Strahl der Sonne hellstem Licht,
hört man Schreie in der lauten Stille,
vor den blinden Augen klare Sicht.

Linien mögen sie gebrochen sein,
bilden stark ein neues Band,
mit so vielen ersten Bildern, klar und rein.
Im neuen Leben, ungebrochen, nur in deiner Hand.

© Sunny Möller