Alltagstauglich

Das Königreich Nespresso

Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse. Ich war von Urlauben am Meer und Markenklamotten so weit entfernt, wie ein Maulwurf vom Lesen. Als ich mein Abitur machte, wurde das in meiner Familie gefeiert, als hätte ich den heiligen Gral gefunden. Aber ich war glücklich, ich wurde geliebt. Trotzdem hatte ich später immer das Bedürfnis nach etwas Besonderem, was mich in den Kreis der Auserwählten empor steigen lassen würde. Ich glaubte es gefunden zu haben, Freunde suggerierten es mir, die Werbung sagte es mir. Ich würde in Zukunft mit George Clooney Kaffee trinken. Aus meiner neuen Nespresso-Maschine!

Nachdem ich meinen anfänglichen 50-Kapsel Gutschein verbraucht hatte, machte ich mich auf den Weg. Ich hatte geduscht, war beim Friseur, wählte ein durchaus Clooney taugliches Outfit und stand vor einem ausgewählten Nespresso-Store.

Ein verregneter, dunkler Tag, aber irgendwie schien das Licht heller auf meinen erlesenen Stoffhändler. An der torartigen Glastür stand ein Mann vom Secret Service und öffnete mir den Weg zu den heiligen Hallen. Ein guter, Nespresso ungläubiger Freund, begleitete mich. Er hatte ein nicht elitefähiges Outfit gewählt, was meine Kapselstimmung etwas verbitterte.

Dann waren wir drin. Eine stilvolle, mit großen Orchideen geschmückte Sofalounge zur Rechten. Modelartige Mitarbeiter mit Soap-Opera-Lächeln, sowie ein VIP-Verköstigungsbereich warfen mich in eine glücksselige, erhabene, Stimmung. Ich gehörte dazu, fühlte ich, obwohl ich nur Kaffee kaufen wollte. Aber nein, ich kaufte nicht einfach Kaffee in einem abgehalfterten Discounter. Ich griff nicht plump in irgendein belangloses Regal und stand nicht an der Kasse mit irgendwelchen JA-Artikel-Käufern.

Ich war hier. Hier im Kaffeeshop der Anderen. Auch hier standen Leute an, aber eben anders. Ich wurde nach vorne gebeten.

„Einen wunderschönen guten Morgen! Ich bin Angelina, ihre persönliche Nespresso-Beraterin. Was kann ich für Sie tun?“

Sie war einfach wunderschön. Dieses Lächeln, diese duftigen Haare. Dezent geschminkt, perfekt betont, ohne eine Spur von Aufdringlichkeit. Jetzt Kapseln zu bestellen, brachte mich in die Apothekenromantik eines Pflegeheims. Ich musste es anders formulieren.

„Ich brauche neuen Volluto und ein bisschen Fortissio Lungo!“

Sie lächelte mich an. Schön.

„Natürlich! Haben Sie Ihre persönliche Kundenkarte für mich?“

Ich lächelte sie berauscht an und zückte die Karte.

„Aber ja, bitte!“

Freund, der mit der Freundschaft spielte, unterdrückte einen Lachanfall. Er flüsterte mir ins Ohr.

„Guten Tag! Willkommen bei den Nespressoitanern. Wir sind aus einer fernen Galaxie zu dir gekommen und verarschen dich mit Kaffee ganz ordentlich!“

Das feenartige Wesen räusperte sich. Hatte sie uns gehört? Transpirationswellen huschten über meinen, mit Kaschmir bedeckten Rücken. Sie guckte etwas vorwurfsvoll. Oh nein, ich kenn den Freak neben mir doch gar nicht.

„Frau Möller, Sie haben schon länger nicht entkalkt!“

Sie sagte es so laut, dass der halbe Laden mithören konnte. Es war schrecklich, ich fühlte mich schlecht. Ich war unwürdig. Ich hatte es gewagt, zwei Monate die billige Zitronensäure der Arbeiterklasse zu benutzen. Einmal Straßenkind, immer Straßenkind. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Dass sie nicht erkennen, was ich wirklich war? Ein Niemand?

Die Blicke und das Getuschel im Raum wurden unerträglich.

Ich versuchte meinen Stolz nicht zu verlieren und kaufte doppelt so viele Kapseln wie geplant. Bei den Geissens funktionierte das doch auch. Protzen gegen das Proletariat.

Mein Plan ging auf. Ich wurde anschließend, samt Freund, in den VIP-Bereich gebeten. Neue Sorten in kleinen Tässchen. Mein Freund rührte und rührte und rührte, zog den Löffel heraus und schrie auf.

„Oh mein Gott, ich habe den Löffel kaputt gemacht!“

Alle elitären, abschätzenden Blicke richteten sich auf uns! Mein Herz blieb stehen. Er hatte Recht! Das Unterteil vom Löffel fehlte. Warum hatte er auch ewig gerührt? Das waren bestimmt zarte, hitzeempfindliche Löffel, die nur von perfekt manikürten Händen geführt werden durften. Wie in Zeitlupe bemerkte ich, wie alle umstehenden Koster ihre Löffel aus den Tassen hoben. Alle kaputt. Gott sei Dank, ich war gerettet. Eine Mitarbeiterin schwebte herbei.

„Keine Sorge! Alles in bester Ordnung. Wir haben dieses besondere Löffeldesign gewählt, um den außergewöhnlichen Geschmack unserer Kaffeesorten durch das Rühren nicht zu verfälschen!“

Mein Freund grinste mich an.

„Gehen wir noch auf einen Kaffee zu dir?“

„Vergiss es!“

© Sunny Möller

Alltagstauglich

Das XING-Ding

Da habe ich mich vor geraumer Zeit einmal vom Herdentrieb leiten lassen und mich bei XING angemeldet. Bis heute weiß ich nicht so wirklich, wie das eigentlich ausgesprochen wird. Die einen sagen ‚crossing’, die anderen ‚icksing’ und die ganz eingefleischten Kenner bezeichnen es einfach als ‚ksingggg’, so wie ‚rrriinnnngggg’ oder ‚binnngggg’.

Aufgrund meiner Profession kam ich weder zu vielen Kontakten, noch zu lukrativen Angeboten. Geschweige denn zu irgendeiner netten Kommunikation. Eins der wenigen Angebote war eine Stellung als Empfangsdame bei einem Tierfutterhersteller. „Sie schreiben doch auch über Tiere! Das könnte passen!“

Außerdem boten mir engagierte Vermögenshutzeltutzelmanager, Fond gebundene Lebensversicherungen mit einer Laufzeit von 40 Jahren an. Das, dadurch entstandene Kapital könnte ich anschließend gewinnbringend in Schnabeltassen und elektrisch betriebene Rollatoren investieren. Auf die Angebote dritter Art möchte ich nicht näher eingehen, die habe ich mit freundlichen Grüßen an youporn und Konsorten weitergeleitet. Ich schaute mir noch einmal die Profilfotos meiner Kontakte an. Während ich sie teilweise von ihren Facebook-Accounts mit einem Schlüpfer überm Kopf am Ballermann kannte, trugen sie hier Tweet und Twinset. Och nö, dann lieber Schlüpfer!

Ich wollte also mein Profil löschen. Aber XING wollte mich behalten. Nach einer halbstündigen Lösch-Button-Suche, fragte ich bei google nach und bekam Hilfe. Ich sollte in der Suchmaske lediglich ‚Rücktritt’ eingeben. Da würde mir geholfen. Ich fühlte mich gleich ein bisschen wichtiger. Ich musste von was zurücktreten. Wie ein Politiker nach einem ‚Dufickificki-Skandal’ oder ein Aufsichtsratsvorsitzender, nach der zehnten Koksparty im Firmenjet.

Mit großen Lettern empfing mich die Seite zur ewigen Verdammnis des Nicht-dazu-Gehörens!!!

PROFIL UNWIDERRUFLICH LÖSCHEN!!!!!!!!!!!!!!

Ich musste mich erklären! Ich konnte 10 verschiedene Gründe angeben, wobei sie bei der letzten eine persönliche Erklärung erwarteten. „Find ich doof“ war nicht dabei.

Ich wählte „XING passt einfach nicht zu mir“ und drückte den Button. Sollte man jetzt annehmen, damit wäre der Fisch gelutscht oder die Sache gegessen, der irrt. Umgehend ploppte ein Befehl auf! „Erkunden Sie unsere Gruppen, um Mitglieder mit ähnlichen Interessen kennenzulernen!“

Okayyyyy, will ich aber nicht. Doch es machte neugierig. Was würde wohl bei den anderen Tschüssi-Optionen verlangt?

Diesmal wählte ich „Meine Erwartungen an XING wurden nicht erfüllt“. Der nächste Vorschlag kam prompt. „Gerne unterstützen wir Sie dabei, die Größe und damit auch den Wert Ihres Netzwerkes zu steigen!“

So, so, Größe und Wert. Hatte sicherlich ein Mann geschrieben. Machen wir´s kurz. Es gab zu jedem Grund eine Hilfestellung, sich nicht unwiderruflich von XING zu trennen. Und jedes Mal war es meine Schuld. Ich hatte mich nicht genug engagiert! Ich hatte die vielen Möglichkeiten nicht erkannt, nicht richtig gedeutet. Ich konnte nicht erfolgreich sein auf bing bing XING. Ich war ein Loser!!! Nicht das, von Göttern erschaffene, heilige Business-Netzwerk der Schönen und Reichen, passte nicht zu mir. Ich passte nicht zu XING! Jetzt wollte ich schon gar nicht mehr mitmachen, sie nicht weiter belästigen, mit einem Nichts von Mir!

Ich wählte „andere Gründe“. Da darf man selber was schreiben. Und schreiben kann ich ja.

„Ich finde euch pipikackascheiße!“

XING antwortet nicht…..

(C) Sunny Möller

Alltagstauglich

Träwelling with Deutsche Bahn – extented version

Tot im Klo

Freitagnachmittag, Hannover station on my way to Heimathafen Hamburg. All over schlechtgelaunte people, faces like the rainy weather. Send a smile in any direction, successlos…

After einsteiging without Platzreservierung, „Sie müssen hia wech, ich hab räsawiaaaht“, sitting on the Boden directly to the Klo.
A voice of a friendly DB-Mitarbeiter comes out of the Lautsprecher. „Welcome on your Fahrt with Deutsche Bahn to Hamburg! We are totally ausgebooked with besoffene Preweddis and kind of schrullige Rentners with musical cards. The other guys want to go to the ‚Doll House´, escaping from the Hängetitten of their Ehefrauen! Enjoy your Fahrt!“

Nach kurzer Pause, another Durchsage. „The bord restaurant invited all the idiots without Platzreservierung to eat our gepresstes Hähnchenschnitzel an dryfrosted Brokkoligedöns with delicious Tütensauce for the sagenhaften Preis of 16,95! And if you eat you get a Nachlass on the softdrinks. A coke for only 98,60!!!!! We will see us there ihr fucking braindeads!“

After looking in my Geldbörse I decided to stay on the ground! Bad idea! Hear kind of Pupsgeräusche from the potty! The door is not dicht. Smelling übel. Where ist the Wäscheklammer when needed??? My floor neighbour is verziehing the face, counting money and goes to the Hähnchenschnitzel.

The girls from the Junggesellinnenabschied open the third Mumm-alles andere kann warten-bottle and start to sing versaute Lieder a la „Ja, die rutzdifutz die Möse schwitzt, weil sie zu nah am Arschloch sitzt…“ no Übersetzung for this one!!! They wear kind of drollige dresses like Wurst in Pelle. Last fun weekend before marriage!

A baby starting screeming, changes his Gesichtsfarbe from red to blue, colors of the sommer.

Suddenly the ICE makes a horrible Vollbremsung, something is knalling, luggage and Reisetaschen falling all over the Gänge. Selfmurderer, entgleising??? Angst and unsureness is making sich breit. The sugarbrides stand stockstill and some of the Rentners starting a short Vaterunser.

The train´s driving slowly wieder an. Somebody press the Playtaste. Das Leben geht weiter. More important things happened. The president of the US schwitzte hinter Panzerglas and put his jacket off and say du to Angie, best friends! Anyone is you for Obama, only nebenbei!

Last Durchsage for today: „We arrived Hamburg in a few minutes. We are verrrry sorrry foa the Verspätung von allover 30 minutes, no one gets their Anschlüsszüge! But wi sänk ju for träwelling with Deutsche Bahn and eating our überteuertes Hähnchenschnitzel!“

I´m not interesting in Anschlusszügen! I´m at home!!!!

© Sunny Möller