Allgemein

Du siehst zwar nicht so aus, aber…

Wer mich kennt weiß es, wer nicht, der erfährt es jetzt! Ich gehe überhaupt nicht gern zum Arzt! Aber ab und an muss es dann leider doch sein. Ich schleppe mich seit geraumer Zeit mit so extremen Rückenbeinfußhalsüberhauptallesschmerzen durch die Gegend, dass ich heute doch einmal den Weg zum Arzt meines Vertrauens gewagt habe. Ich kenne ihn schon ewig und er ist der einzige Arzt, dem ich vertraue.

Im Wartezimmer fing der eigentliche Spaß schon an. Es rotzte, triefte, röchelte und blähte aus allen Richtungen. Ich fühlte mich einen Moment lang als das einzige sozial kompatible Krankheitswesen. Ich hatte Rücken, nicht ansteckend! Ich versuchte so wenig wie möglich zu atmen, für ein Taschentuch vorm Mund war ich zu feige, lieber rechnete ich mit einem emphatischen Kreislaufkollaps. Dann war ich endlich dran.

Ich: „ich habe fast jeden zweiten Tag einen steifen Nacken!“

Arzt: „Hmmm…“

Ich: „Und mein Lendenwirbel tut ständig höllisch weh!“

Arzt: „Hmmm…“

Ich: „Und die Knie erst, wenn ich den ganzen Tag gestanden habe!!!“

Arzt: „Ahhh, ja…“

Ich:“Sebastian, ich habe dauernd ganz schlimme Schmerzen!!! Könnte das vielleicht ein Bandscheibenvorfall sein? Oder doch MS? Der Verdacht wurde vor 10 Jahren ja mal ausgesprochen. Ich bin dann halt nicht mehr zu den Untersuchungen gegangen! Aber ich hatte doch diese Läsionen im Gehirn!!!!“

Arzt:“Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, Sunny! Aber ich denke, wir müssen jetzt mal Klartext sprechen.“

Ohh nein, ich spürte, wie mir jemand die Kehle zudrückte. Ich wusste es, es ist ein MS-Schub, ganz bestimmt sogar. Ich habe es doch die ganze Zeit gewusst.

Ich:“Ist es MS?“

Arzt:“Nein. Man sieht es dir auch noch überhaupt nicht an.“

Oh mein Gott, es ist was Schlimmeres. was sage ich meinen Kindern??? Emma ist erst 8!!!

Ich:“Sag es mir, bitte!!!“

Arzt:“Du wirst alt!“

Ich:“Waaaaaaaaaaaaaaaas?“

Arzt:“Du bist über 40, da geht es langsam los!“

Ich:“Aber ich rauche nicht mehr!“

Arzt:“Das ist gut.“

Ich:“Auf Zucker verzichte ich auch größtenteils!“

Arzt:“Das ist toll.“

Ich:“Fleisch gibt es nur noch ganz selten und wenn, dann nur Bio!“

Arzt:“Das ist auch nicht schlecht.“

Ich:“Was kann ich denn noch tun?“

Arzt:“Nix! Möglichst so weitermachen und in Würde altern. Du bist doch ansonsten noch prima in Schuss.“

Zwei Minuten später stehe ich draußen vor der Arztpraxis. ich suche meinen Autoschlüssel, neben mir fahren zwei Mittsiebzigerinnen mit einem Rollator vorbei und lächeln mich verschwörerisch an. Verdammt, die denken, ich bin bald eine von ihnen!!! Ich überlege, ob ich sie beschimpfe. Ach Mist, alt werden ist doch irgendwie blöd, aber jung sterben ist auch scheiße. Gestern war ich doch noch jung und schön und heute soll ich plötzlich nur noch ganz gut in Schuss sein? Da mach ich nicht mit. Immerhin habe ich mein Handy gefunden. Ich wähle die Nummer meiner Freundin Charly.

„Hallo?“

„Charly, ich werde alt!“

„Schon wieder?“

„Dieses ganze Gesundheitsgedöns, Sport und das alles bringt doch gar nix!“

„Ich habe noch ne Flasche Sekt!“

„Ich komme vorbei!“

© Sunny Möller

Werbeanzeigen
Allgemein, Alltagstauglich, Stimmungslage

Der letzte Umzug

„…und dann verlasse ich meine Zuhause und schaue nicht mehr rechts und links und schon gar nicht mehr zurück.“ Ich musste schlucken. So sollte es also zu Ende gehen? Ein Leben, vierzig Jahre in der selben Wohnung, Kinder groß gezogen, Menschen ein und ausziehen gesehen, mit manchen so etwas wie Freundschaft geschlossen, manche etwas kritisch beäugt, weil sie so gar nicht dem eigenen Lebensstil entsprochen hatten.

Und doch war immer so etwas wie Leben in der Bude gewesen. Als ich vor sechs Jahren hier eingezogen bin, allein, mit zwei kleinen Kindern, wollte ich eigentlich nichts mit den restlichen Bewohnern dieses Hauses zu tun haben. Zu sehr quälten mich meine eigenen Dämonen und die Angst, wie es denn jetzt wohl weitergehen würde.

Über mir eine ältere Dame, die ständig etwas zu meckern hatte. Entweder die Kinder waren zu laut oder ich hatte mal wieder vergessen, den Hausflur zu wischen. Agathe fand immer einen Grund, irgendetwas an mir zu bemängeln. Über die Jahre wurde es besser, Agathe immer schwerhöriger, was sie allerdings als meinen Erziehungserfolg feierte. „Frau Möller, Ihre Kinder höre ich ja überhaupt nicht mehr. Das haben Sie aber gut hinbekommen.“ Sagte sie, während mein Sohn im Hintergrund Schlagzeug spielte und meine Tochter lauthals „We will rock you“ brüllte.

Nach einem Nachbarschaftsgrillen“ im Gemeinschaftsgarten, drei Bierchen und dem Du-Angebot war das Eis dann endgültig gebrochen. Ich erfuhr viel von ihrem Leben, ihren drei Kindern und der einen Tochter, die sich aus unerfindlichen Gründen von ihrer Mutter losgesagt hatte. Den Mann, den sie zwischenzeitlich einmal verlassen hatte, weil er sich wie ein totaler Idiot benommen hatte. Man fand jedoch wieder zusammen, denn „Weißt du Sunny, drei Kinder, das verbindet doch irgendwie.“ Mich haben zwei Kinder nicht dazu gebracht, zu meinem Idioten zurückzukehren. „Das ist schon in Ordnung, hast ja jetzt einen ganz stattlichen Ersatz gefunden.“ Ich muss heute noch darüber lachen. Stattlich, ein Begriff, der heute viel zu selten im Gebrauch ist.

So war das mit Agathe. Sie wurde älter und so langsam machte sich auch bei ihr das Alter bemerkbar. Sie wurde schwächer, plötzlich stand ein Rollator im Hausflur, eine Pflegerin kam mehrmals die Woche, die sie bei den alltäglichen Dingen unterstützte. Trotz alledem war sie noch voll dabei und mittlerweile hatte ich sie richtig lieb gewonnen.

Als ich Donnerstag von der Arbeit nach Hause kam, hing ein Zettel am schwarzen Brett des Hausflurs.

Liebe Nachbarn,

ich ziehe nächste Woche in ein Altersheim. Ich habe die Zeit mit Ihnen und
euch hier sehr genossen. Ob es bei einem Schnäpschen im Garten war oder ein
kurzer Klönschnack im Hausflur. Es war für mich eine sehr schöne Zeit. Ich
werde das alles sehr vermissen.

Eure/Ihre Agathe Heinze

Ich konnte es nicht fassen. Es lief doch alles ganz gut und unsere tolle Hausgemeinschaft sorgte dafür, dass immer jemand zur Stelle war, wenn Agathe Hilfe brauchte. Ich schnappte mir eine Flasche Prosecco und klingelte bei Agathe. Als sie die Tür öffnete, sah ich ihre verweinten Augen. Hilflos, wie ich manchmal in solchen Situationen bin, nahm ich sie einfach in den Arm. „Agathe, was machst du denn nur für Sachen?“ Sie fing wieder an zu weinen.

„Meine Tochter sagte, das ist das Beste für mich. Und dann bin ich ja auch in ihrer Nähe.“ Sie sah nicht sehr überzeugt aus. „Kannst du denn deine Sachen mitnehmen? Vielleicht dein Bett oder deinen Lieblingssessel?“ Sie wischte sich die Tränen mit einem Stofftaschentuch ab, auf dem ihre Initialen eingestickt waren. „Ich kann mein Kopfkissen mitnehmen, alles andere ist schon da.“ Ich stellte mir vor wie ein alter Mensch alles zurücklassen musste, was ihm lieb und teuer war. Sicher konnte sie ein paar Kleinigkeiten und Erinnerungen aus ihrem Leben mit in dieses Heim nehmen. Doch sie würde mit über achtzig Jahren ihr Leben verlassen müssen. Die Vorstellung, dass es mir später einmal ebenso ergehen könnte, wollte ich nicht an mich heran lassen. „Und wann geht es los?“

„Übermorgen. Ich habe nicht so schnell mit einem freien Zimmer gerechnet. Ich war Platz sieben auf der Warteliste und nur wenn einer stirbt, wird ein Platz frei. Da sind wohl ziemlich viele, ziemlich schnell gestorben.“ Sie fing wieder an zu weinen. „Platz sieben Sunny, ich war doch erst Platz sieben!“

Ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. Wir tranken ein Glas Prosecco. Dann drückte sie meine Hand. „Ich werde mich nicht einmal umdrehen. Weißt du, was das Schlimmste ist? Von da werde ich nirgendwo mehr hinziehen. Das ist die letzte Station.“ Dann begann sie wieder zu weinen.

Diese Sache hat mich zutiefst erschüttert und sehr bewegt. In Würde zu altern und schwächer zu werden, hat in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr. Je nach finanzieller Situation, landen alte Menschen meist in besseren Aufbewahrungslagern, möglichst weit weg von der jungen, leistungs- und lebensfähigen Gesellschaft. Es muss doch einen Weg geben, bei dem beide Lebensabschnitte zusammen koexistieren können oder sogar voneinander profitieren. Man sollte nicht vergessen, dass wir auch irgendwann einmal diesen Lebensabschnitt erreichen werden.

© Sunny Möller