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Der ganze Himmel, Sunny, der ganze Himmel!

Ich hatte heute vor mein ABC der Nachhaltigkeit weiter zu schreiben, aber wie das Leben so spielt, kommen ganz andere Sachen dazwischen, verrückte, irgendwie auch ganz lustige oder eben völlig unvorhergesehne.

Ich war mit Charly auf dem Weg zu unserem gemeinsamen Schrebergarten. Nur mal schnell gucken, wegen der Schnecken und um den Vögeln die Futterhäuschen wieder voll zu machen.

„Können wir schnell noch bei der Post vorbei? Ich hab da noch einen Brief, der dringend weg muss.“

„Klar Charly, liegt ja auf dem Weg.“

Leider hatte ich nicht bedacht, dass es eine Zeit war, in der man mit dem Auto möglichst die Innenstädte meidet, da alle Menschen nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause sind. Also standen wir in einer langen Autoschlange und warteten und warteten. Jede Postkutsche ohne Pferd wäre schneller gewesen. Egal, im Radio lief „Sunshine Reggae“ und das machte das kalte Mai-Wetter draußen gleich viel angenehmer. Wir wippten im Rhythmus, hatten nicht viel zu sagen, doch dann plötzlich…

„Oh nein, guck mal, guck mal, da ist ein kleiner Vogel gegen ein Fenster geknallt!“

„Wo?“

„Na da, der liegt jetzt auf dem Radweg! Ich glaube das ist ein kleiner Grünfink.“

Wie konnte sie das erkennen?

„Ist er tot?“

„Ich weiß nicht genau. Ich glaube nicht. Wir müssen ihn retten! Mach was! Fahr rechts ran! Wir können ihn da nicht liegen lassen. Der nächste Radfahrer macht ihn platt. Der kleine, arme Vogel!“

Ich also rechts ran, Warnblinkanlage an, Charly steigt aus, reißt sich ihr Tuch vom Hals und bewegt es ausgebreitet wie ein Stierkämpfer auf den Piepmatz zu. Selbst wenn er gar nicht verletzt war und nur einen Schock vom Aufprall hatte, Flucht war zwecklos. Charly hatte ihr Tuch so schnell über den Vogel geworfen, dass jeder Flügelschlag zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Keine Minute später saß sie wieder im Auto, das kleine Tuch-Vogelbündel auf dem Schoß. Und das Bündel zappelte.

„Tot ist er wohl nicht.“

„Nein, aber vielleicht hat er einen gebrochenen Flügel! Und ein Trauma! Klatsch du mal volle Wucht gegen die Wand!“

Ich dachte an die Geschichte, als Charly gegen die Wand gerannt ist (nachzulesen in „Omas Wand“). Vielleicht verbinden solche Sachen. Sie fing an mit dem Vogel zu reden.

„Ja ja, ist ja schon gut mein kleiner Schatz. Charly rettet dich, du wirst wieder gesund. Bleib ganz ruhig.“

Dabei schuckelte sie ihn leicht hin und her. Ein bisschen erinnerte sie mich an die irre Krankenschwester aus Stephen King´s „Misery“, die ihren Patienten fast zu Tode gepflegt hatte.

„Und was machen wir jetzt?“

„Ist hier ein Tierarzt in der Nähe?“

„Nein.“

Ihre Tierliebe reichte wirklich ins Unermessliche. Als neulich eins der Meerschweinchen ihrer Tochter Blut gepinkelt hatte und nicht mehr fraß, wurden alle tiermedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft, um Oliver zu retten. Und sie schaffte es tatsächlich. Olli war wieder frech und verfressen wie eh und je. Wahrscheinlich hatte sie bald einen Aufkleber auf ihrem Auto, „Ich bremse auch für Ameisen“. Der Vogel wurde immer lebendiger. Das Tuch hüpfte rauf und runter.

„Lass den bloß nicht aus dem Tuch raus! Wenn der anfängt, hier im Auto rum zu flattern, bau ich noch einen Unfall! Wir nehmen ihn jetzt mit in den Garten und gucken mal, ob er es schafft oder nicht.“

Sie guckte mich etwas entsetzt an.

„Hör nicht auf die böse Frau, Piepi! Natürlich schaffst du das! Charly passt schon auf dich auf. Gleich bekommst du erst einmal ein paar feine Sonnenblumenkerne und dann gucken wir mal, was dir fehlt.“

Die böse Frau fuhr weiter zum Garten.

„Es ist doch Brutzeit. Was ist denn, wenn sie Kinder hat und du sie jetzt von ihren Babys weggeholt hast?“

Die böse Frau konnte einfach nicht die Klappe halten. Charly blieb ruhig.

„Wir machen Piepi schnell wieder gesund und dann gehört ihm wieder der ganze Himmel. Bis dahin sind die Kinder noch nicht verhungert.“

Sie war konsequent. Ich parkte das Auto. Charly versuchte vorsichtig auszusteigen, das Tuch, samt Vogel beschützend in ihren Händen. Leider hatte sie eine kleine Öffnung an der Unterseite übersehen. Piepi kämpfte sich in Sekundenschnelle frei und flog weg. Ich bildete mir ein, dass er mit einem Flügel noch ein Ballaballa Zeichen machte. Sollte es eine Vogelpolizei geben, hätte Charly jetzt bestimmt eine Anzeige wegen Freiheitsberaubung an der Backe.

„Er ist weggeflogen!“

„Ja.“

„Dann hatte er wohl keinen gebrochenen Flügel.“

„Offenbar nicht.“

„Schön. Der ganze Himmel, Sunny, der ganze Himmel.“

© Sunny Möller

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Allgemein, Alltagstauglich

Sport und rote Augen

„Hast du geheult?“

Charly schaute mich besorgt an.

„Nein.“

„Aber dein eines Auge ist so rot und hängt irgendwie so komisch runter.“

„Ich habe Sport gemacht!“

„Und dir dann die Walkingstöcke ins Auge gerammt?“

„Nein. Ich war im Garten. Du weißt doch, Gartenarbeit ist auch Sport.“

Sie nippte überlegend an ihrem Wein.

„Aber warum ist dein Auge dann so rot?“

Sie ließ einfach nicht locker.

„Das war die Stachelbeere!“

Sie fing an zu lachen, während sie noch Wein im Mund hatte und der tropfte ihr jetzt wie Blut aus der Nase.

„Ahhhh, die böse Kampfstachelbeere also. War das die im Rambooutfit? Mit Stirnband und Patronenhalfter?“

„Bist du bescheuert?“

„Iiiihhh, komm her du kleiner Gartentriathlet, ich bin´s, Stacho, ich mach dich fertig! Und ich hab noch meine Freunde Radotzko Radieschen und Mecki Mangold mitgebracht!“

„Nein, du blöde Kuh! Ich habe versucht den alten Stachelbeerbusch auszugraben, der der schon tot war. Ich wollte ihn mit dem Spaten hoch hebeln und dann bin ich abgerutscht und hab mir den ganzen Busch ins Gesicht gejagt.“

„Ach so.“

„Ja.“

„Dafür siehst du dann aber doch noch ganz gut aus.“

„Danke.“

Ich war etwas besänftigt.

„Und was machen die Männer?“

„Um es mal in der Gartensprache zu sagen: Mein Acker liegt brach und im Baum sitzt nicht ein Vogel.“

„Weinchen?“

„Gerne.“

© Sunny Möller

Allgemein

Gartenglück und umgekippte Cola

„Die Kinder hängen viel zu viel vor den Medien! Die müssen unbedingt an die frische Luft! Die brauchen eine Aufgabe! Sie müssen Erfahrungen machen, wie Dinge entstehen und vor allem wo sie herkommen!“

Charly fuchtelte übermütig mit ihren Armen hin und her. Die Wangen leicht rosig und aus ihren Augen blitzte Feuereifer. Sie hatte offensichtlich ein neues Projekt. Es schien sich allerdings diesmal nicht um einen Mann zu handeln. Zumindest nicht offensichtlich. Den letzten hatte sie zum Glück souverän abserviert. Wieder einer von dieser Sorte, die unbedingt ein Überraschungsei an der Kasse haben wollen. Wenn sie es ausgepackt haben, stopfen sie sich die Schokolade in den Mund und wenn sich herausstellt, dass sich im Inneren keine Spielfigur befindet, sondern ein Teil, was man zusammenbauen muss, dann landet das Ding im Müll.

`Du Charly, du bist so eine schöne Frau, bla, bla, bla, hätte ich dich doch schon viel früher kennengelernt, bla, bla, bla, ich könnte mir schon etwas Ernstes vorstellen, bla, bla, bla, ich bin einfach noch nicht so weit, ich muss erst einmal meine alte Beziehung verdauen, bla bla, bla….´*

*Übersetzung ins Ehrliche: `Sex?, bla, bla, bla, hätte ich dich doch kennengelernt, bevor du zwei Blagen hattest, bla, bla, bla, das sag ich jetzt, weil du bei schöne Frau noch nicht vögeln wolltest, bla, bla, bla, ich werde nie soweit sein, Sex?´

Charly reißt mich aus meinen Gedanken.

„Oh mann, das wird einfach supi!“

„Ich kann dir immer noch nicht folgen. Willst du unsere Kinder aufklären? Woher die Babys Kommen, wissen beide schon und ich glaube nicht, dass es die Sache, dass ihre Eltern Sex hatten, an der frischen Luft besser machen würde. Und was die Medien betrifft, Sexkanäle sind bei uns gesperrt.“

„Ach Quatsch, wie kommst du denn darauf? Wir mieten uns einen Schrebergarten!“

„Einen was?“

„Einen Schrebergarten. Das wird total toll! Wir bauen unser eigenes Gemüse an, hängen eine Hängematte auf und machen Gartenpartys. Und du kannst hier alleine sein und schreiben, schreiben, schreiben!“

Ich dachte an mein letztes Hängemattenerlebnis. Ich habe gefühlt drei Stunden gebraucht bis ich endlich in diesem Ding drin gelegen habe und hatte mich kokonmäßig darin verheddert und eingerollt, dass ich anschließend mit einer rasanten Umdrehung rausgeflogen bin. Allerdings sah ich hinterher nicht aus wie ein wunderschöner Schmetterling sondern eher wie eine besoffene Hummel.

„Ich habe auch schon genau den richtigen Garten für uns gefunden. Mit Hütte und allem Gedöns, was man so braucht.“

„Meinst du, wir schaffen das?“

„Aber sichi!“

„Und wann fangen wir an?“

„Jetzt!“

„Supi!“

Zusatz:

Literarischer Gedanke: `Charly und ich sitzen in weißen Kleidern und Blumen im Haar in unserem herrschaftlichen Garten unterm Kirschbaum und trinken Tee (mit Rum), die Kinder ernten gerade Kirschen und Pfirsiche und mein Liebster hackt Holz mit freiem Oberkörper und sonnengebräunter Haut. Er streicht sich das Haar aus dem Gesicht und hält sich eine eiskalte CocaCola an die heiße Brust…´

Realistischer Gedanke: `Charly und ich versuchen die Vögel von den letzten verbleibenden Kirschen am Baum wegzujagen. Unsere Kleider sind in den Brombeerbüschen hängen geblieben und sehen aus wie nach einem Massaker. Wir trinken Rum (mit Tee) und sehen mehr Bäume als da waren. Die Kinder haben sich Schwerter gebastelt und arbeiten hart daran die Zellen der Wühlmäuse auszuheben. Und was den Liebsten angeht, der versucht gerade 12 Zecken aus dem sonnengebräunten Körper zu entfernen. Die eiskalte Cola ist umgekippt und lockt einen Schwarm Wespen an…´

P.S: Tipps für Haus sind dringend erwünscht.

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© Sunny Möller