Allgemein, Alltagstauglich, Stimmungslage, Wortkunst

losgehen

gedankenlos, schwerelos, gehst du zügellos und folgst im nichts dem ich,

fliehst vor dem freudlos, bewegst dich hemmungslos im jetzt,

es zu finden, angstlos, schonungslos und ahnungslos,

das selbstgewählte los zum glück.

zum glück.

© Sunny Möller

Alltagstauglich

3 Tage – 3 Leben

Ich habe zwei Kinder. Das Wunderbarste und Nerven aufreibendste, was das Universum zu bieten hat. Keine Mutter, kein Vater, der das nicht nachempfinden kann.

Neben all dem Alltäglichen passieren Dinge, auf die wir nicht vorbereitet sind. Keiner hat uns gebrieft, geschult oder aufgeklärt, was dann zu tun ist. Kinder wollen selbstständig sein, wollen helfen. Dinge tun wie die Großen.

Ein gellender Schrei erschüttert die Wohnung. Mein Blut gefriert. Das ist kein normaler Schrei, kein „aua“ im herkömmlichen Sinn.

Mein Sohn liegt am Boden, reißt sich die Socke vom Fuß und seine Haut gleich mit. Er wollte mir helfen. Er wimmert.

„Mami, du hast doch Rückenschmerzen! Ich wollte etwas für dich tun!“

Kochendes Wasser, überall, mein Kind mittendrin. Krankenhaus, sofort. Narkose. Letzter Blick, Schmerz verzerrt, 10 Jahre, aber doch immer mein Baby. Eine Stunde später. Kinderstation. Mein Kind wird wach. „Wo bin ich, ist mein Bein weg?“ Schläft wieder ein.

Ich werde ruhiger. Alles wird gut. Nichts Schlimmes wird bleiben.

Auf seinem Zimmer liegt noch ein Junge, 13 Jahre. Er spricht nicht, lächelt traurig. Wird untersucht. Eine große Narbe, lange verheilt. Ängstlicher Blick. Jemand kommt. Sein Vater? Nein, sein Onkel. Er hat ihn geholt. Aus Syrien. Knochenkrebs. Keiner kann helfen, in seinem Land. Jetzt ist er hier, ohne Sprache, ohne Eltern, aber mit Hoffnung, auf ein Leben, gesund. Sein Onkel lächelt. „Wir schaffen das, als Familie. Alle für einen. Immer, bis zum Schluss.“

Ich werde traurig. Wird alles gut? Wird nichts Schlimmes bleiben?

Der nächste Tag, neues Zimmer, anderes Kind. Kind? Ein junger Mann eher. 17. Fragender Blick. Wache Augen, nicht dumm. Verzweifelt. Wohin? Eine Nacht mit dem Käptn, Herrn Jägermeister und einem Appel. Weggeschossen, alles, für den Moment. Kommt alles wieder, mit der Mutter ins Zimmer. Beschämter Blick. Warum? Darum! Kein Gespräch! Nur Wut! Keine Hoffnung. Ich muss fragen. „Was willst du machen, mit deinem Leben?“

„Kochen! Ich wär gerne Koch! Wenn du siehst, das fertige Essen, das ist dann wie Kunst!“

Ich werde nachdenklich. Wird alles gut? Kann ich nicht sagen.

Überall Leben! Schaut hin!

© Sunny Möller

Alltagstauglich

Wer ist HEIDEMANN?????

Ich gehe ja überhaupt nicht gerne zum Arzt.

Ich glaube, ich erwähnte das schon an anderer Stelle. In den vielfältigen Arten ihrer Profession von Orthopäden, Internisten, Kardiologen, Neurologen, Gynäkologen, Allergologen und Unausprechlichenlogen , gibt es noch eine sehr fremdartige Spezies. Die Zahnärzte! Sie sind so etwas wie die Migranten der Ärzteschaft. Sie studieren auch nicht mit den Allgemeinmedizinern, sie studieren abseits, in gesonderten Gebäuden.

Ich frage mich immer wieder, wie kommt man darauf, Zahnarzt zu werden? Stellt man sich irgendwann nach dem Abitur die Frage: „Würde es mir wohl Spaß machen, bei andern Leuten im Mund rumzuprokeln?“

Oder hat es, wie immer, irgendetwas mit Macht zu tun?

Nach dem gestrigen Besuch beim Dentist meines Vertrauens, tippe ich auf Letzteres!

Schon beim Betreten der Praxisräume, suchte ich nach dem Schild `Notausgang´. Die Zahnarzt-Sadomaso-Helferin begrüßte mich freundlich.

„Schön, dass Sie da sind Frau Möller! Wir legen gleich los! Gehen Sie doch bitte kurz ins Wartezimmer. Der Herr Doktor holt sie dann ab!“

….und dann darf ich mir noch mein Lieblingsessen wünschen, anschließend kommt der Priester und fragt mich, ob ich irgendetwas in meinem Leben bereut habe. Wir werden beten und dann werde ich zum Stuhl gebracht, festgeschnallt und die Spritzen vorbereitet….ist Obama eigentlich gegen die Todesstrafe?

 

Ich schüttelte kurz den Kopf. Mach dir keine Sorgen! Entspann dich, das wird halb so wild. Ich hörte dieses kreischend, schleifende Bohrergeräusch aus einem der Behandlungsräume. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Nur das Geräusch verursachte schon Schmerzen. Ich fragte mich, warum man eigentlich niemals Schreie aus diesen Behandlungsräumen hörte? Waren das vielleicht immer Probebohrungen an irgendwelchen Gummipuppen, um den kommenden Patienten zu paralysieren?

„Frau Möller!!! Sie sind dran!! Der Herr Doktor wartet schon!“

Zwei Minuten später saß ich in diesem Vollstreckerstuhl, hatte einen Blutlatz um und Wasser plätscherte in den „Spülen-sie-mal-bitte-Becher“. Der Herr Doktor rückte an…

„Frau Möller! Toll! Wir kommen ja jetzt langsam in die Endphase!“

Todesstrafe……..wenn ich jetzt seitlich raus trete, knallt er mit dem Kopf gegen den Instrumentenwagen. Mit etwas Glück springt der Bohrer von selbst an und zerschnippelt ihm das Gesicht, während er mit beiden Augen in die aufgezogenen Spritzen fällt. Währendessen habe ich genug Zeit, der Assistentin ihren Sauger in die Hose zu stecken um endlich mal für menschliche Gefühle bei ihr zu sorgen….

 „Können wir anfangen?“

„Sicher!“

„Sie brauchen sich gar keine Sorgen zu machen. Wir nehmen heute nur die Provisorien ab und testen die Gerüste für die Kronen. Anschließend passt der Techniker noch die Farbe an! Das wird nicht wehtun!“

Bei der Farbanpassung sollte er Recht behalten….

„Fräulein Tanja, den Heidemann bitte!“

Was ist das? Wer ist der Heidemann? Es gab einen Typen in unserem Dorf, der hieß auch Heidemann. Zwei Meter groß, rothaarig. Er vergewaltigte mehrere Ziegen und Hühner und kam dann in die Geschlossene…wer war H E I D E M A N N?????

Dr. Böse bekam von Schwester Sauger einen kleinen Spatel in die Hand. Das kann ja nicht weht……..

AAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!! Mein ganzer Körper stand plötzlich unter Spannung, meine Hände krallten sich ineinander. Nervenschmerzen schossen durch den ganzen Körper. Mir entfuhr ein lautes: „Auuuuaaaaa, verdammt, auuaaa, das tut echt weh, Mann!!!!“

….du blödes Arschloch! Wahrscheinlich kriegst du im Bett keinen hoch und lässt deinen Frust hier legal an Frauen und potenten Männern aus! Das Längste an dir ist dein verdammter Heidemann, du elender Wicht!!!!!!!

Er guckte wenig mitleidig.

„Wir können eine kleine Anästhesie machen, aber die Nerven sind trotzdem nicht ganz tot. Da müssen wir jetzt durch!“

Wen meinte er mit „WIR“?

Zwei Stunden später waren sie mit mir fertig. Ich fühlte mich wie nach einem Verhör mit Foltereinsatz. Meine rechte Gesichtshälfte hing herunter wie bei einem Schlaganfallpatienten und ich hatte meine heraus rinnende Spucke nicht mehr unter Kontrolle. Dr. Böse verabschiedete sich mit einem „Ich-habe-einen-Tennispullover-über-die-Schultern-geschwungen-Lächeln“.

„WIR sehen uns nächste Woche! Dann sind WIR auch endlich fertig, liebe Frau Möller!“

Ich habe immer eine kleine Schere dabei. Kann man immer mal gebrauchen. Unter dem Bohrer baumelte ein durchgeschnittener Schlauch. WIR hatten ihn durchgeschnitten und WIR fanden das überhaupt nicht schlimm!

© Sunny Moeller