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Omas Wand!

Meine Freundin Charly war mal weg. So ganz alleine, ohne Kinder. Einfach mal Ruhe von allem. „Sunny, ich brauche dringend eine Auszeit! Ich hab das Gefühl, wenn noch einer an mir rum zerrt, laufe ich Amok!“ Wobei Amok bei Charly bedeutet, dass sie den Zerrern zu Verstehen gibt, dass sie das Zerren doch vielleicht durch Schubsen ersetzen könnten, dann würde zumindest der Schmerz etwas variieren. Gut geschubst landet sie günstiger weise in der Küche und kocht ihren Angreifern noch eine leckere Bolognese. So ist sie und dafür liebe ich sie. Das Herz offen getragen in beiden Händen, jeder kann piksen, trietzen und nehmen so viel er will.

Doch jetzt war Charly einfach weg. Nicht für immer und nicht weit und doch irgendwo im Nirgendwo. Nichts gehört, drei Tage lang. Das ist gut, wenn sie wiederkommt, ist alles ein bisschen besser. Die geholte Luft reicht vielleicht drei Tage länger. Heute waren wir verabredet, Charly und ich. Als ich ins Haus komme, höre ich ihre Stimme. „Juccchhhuuuuuhhhh Sunny! Käffchen?“ Hört sich gut an, sie hört sich gut an.

„Hey, meine Süße! Hast du dich gut erholt?“

„Jep! Und wie! Ich war in der totalen Pampa, bei Freunden, die ich aus dem Studium kenne. Der eine hat total die süße Oma. Im Dorf gab es für alle eine Spieleabend und ich habe ein paar alte Herren beim „Mensch Ärgere Dich Nicht“ abgezockt. Zack, rausgeschmissen, die waren fix und fertig. Das war so toll!“

Ich hatte eher an sowas wie Cocktails schlürfen, schick machen, Tanzbein schwingen und vielleicht ein bisschen Flirten gedacht. Aber nein, Charly stellt die Rausschmissszenen nach und schwärmt vom selbst gemachten Sauerfleisch für 40 Leute. Da konnte irgendetwas nicht stimmen und plötzlich fiel mir auch auf, was das war. Sie hatte eine knallrote Beule am Kopf, die aussah, als hätte sie sich geprügelt. Wahrscheinlich Gehirnerschütterung und dadurch etwas durcheinander.

„Was ist mit deinem Kopf passiert?“

„Pssssssttttt!!!! Sei ruhig und komm mit!!!!“

Verstohlener Blick zu unseren Kindern.

„Das brauchen die nicht hören!“

Sie hatte sich definitiv geprügelt. War ja klar und schon längst überfällig. Ein solch liebenswerter Mensch wie Charly musste doch irgendwann einmal durchdrehen. Ich hoffe nicht, dass sie Leichen hinterlassen hatte.

„Wen hats erwischt? Die alten Herren? Die Dorfjugend? Eine Tussi auf der Straße?“

„Omas Wand!“

„Was?“

Sie braucht mehr Pausen.

„Ich weiß es doch auch nicht so genau. Die süße Oma und dann bin ich da so lang gelaufen und zack, gegen die Wand. Das kann ich doch keinem erzählen!“

Unbedingt mehr Pausen!

„Was hast du denn auf der Arbeit erzählt?“

„Dass sie sich den anderen erst mal angucken sollen!“

„Du bist wirklich gegen eine Wand gerannt?“

„Nein, nicht gegen eine Wand! Es war Omas Wand!“

Die entscheidende Frage lautet, wie bekommt Charly mehr Pausen? Wie bekommen wir alle mehr Pausen? Die nächste Wand kann deine sein.

https://www.youtube.com/watch?v=5PST7Ld4wWU

© Sunny Möller

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Mistgunst

Mit der Missgunst ist das so eine Sache. Manchmal sitze ich hier und habe das Gefühl, alle sind schneller, organisierter, schlauer, ehrgeiziger, fleißiger und erfolgreicher als ich. Ich bin ein Gönnen-Könner, doch manchmal überkommt mich doch dieses bittere Gefühl des Beneiden. Es ist schon manchmal ein Mist mit der Gunst für andere.

Die andere Mutter, mit den stets perfekt manikürten Nägeln, den modisch ausgewogenen Outfit zwischen Businessfrau, Vamp und sportlicher Triathletin. Dann schau ich an mir runter, mit den flachen Boots, da ich, seit diese Kinderbande in mein Leben getreten ist, keine zehn Meter mehr in mittelhohen Highheels zurücklegen kann, ohne mindestens zweimal umzuknicken.

Während ich gekaufte Muffins zum Klassenfrühstück meiner Tochter mitbringe, stolziert eine andere, natürlich voll berufstätige Mutter mit einem selbstgeschnitzten Gurkenkrokodil herein, dem noch eine kunstvoll gesäbelte Karottenzunge aus dem Maul hängt. Während ich mich von meinem Kind verabschiede, lausche ich dem Gespräch zweier dieser Supermuttis und höre sie von etwas schwärmen, dass mich beinahe so etwas wie Schadenfreude überkommt.

Die eine der beiden scheint eine heimliche Affaire zu haben. „Haaahhh, doch nicht so perfekt!“, denke ich noch. „Oooaaahhh, Frauke. Du kannst dir nicht vorstellen, wie heiß der wird. Der bringt alles zum Schmelzen in Null Komma nix! Ich weiß gar nicht, was ich ohne ihn machen würde!“ Frauke sah sie begeistert an. „Und was hast du dafür bezahlt?“ Die Stimme der Gurken-Frida Kahlo wurde leiser. „Na ja, über 1000 Euro hat er schon gekostet, aber bei dem, was der leistet, war er jeden Cent wert.“ Ich kann es kaum glauben. Wie kann sie sich das leisten?

Zwei Sätze weiter kam dann die Ernüchterung. Die beiden sprachen von einem Thermomix. Dabei sei nebenbei erwähnt, dass ich sie noch nie so liebevoll von ihren Männern habe reden hören. Ob sie die Gurke auch in das Gerät geschmissen hatte und der dann das fertige Reptil rausgeschmissen hatte? Man hört ja immer wieder „Der Thermomix kann alles“, du wirfst alles rein und das Ding spuckt alles fertig wieder aus.

Aber zurück zum Thema. Wie schaffen diese Frauen das nur? Bin ich die einzige, die ständig übermüdet ist, genervt von dem 1000sten Mal ‚Mami, kannst du mal?“ und den ganzen Terminen, die mir ständig um die Ohren ballern? Oder denken diese anderen Frauen genauso über mich? Vielleicht finden sie es ja cool, dass ich in kaputten Jeans, einem alten Nirvana T-Shirt und meinen Uralt-Chucks zum nächsten Elternabend komme. Vielleicht denken sie ja „Cool, sie hat sich nicht in eine Rolle drängen lassen, die sie eigentlich gar nicht leben will“. Während ich mir mit einem Knipser die Nägel auf eine alltagstaugliche Länge stutze, gefällt mir dieser Gedanke immer mehr. Vielleicht beneiden sie mich ja sogar um meine manchmal ungewaschenen Haare, die ich mir morgens um halb acht unter eine Baseballkappe quetsche. Vielleicht.

© Sunny Möller

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Kinderfrei!

Meinen Ohren sind auf Empfang gestellt, ich mache mich lang und lausche durch alle Zimmer. Nichts. Ich starre 5 Minuten auf die Milchpackung vor meiner Nase. Nichts. Ich suche nach einer Antwort für eine gleich gestellte Frage. Nichts. Ich laufe langsam durch den Flur in Erwartung eines stechenden Schmerzes aufgrund von Legokleinteilen. Nichts. Ich atme ein. Tief. Durch die Nase. Nichts. Keine schweißdrüsengetränkte Pubertätsluft, die das letzte Jahr dafür gesorgt hat, dass meine Nasenflügel einen automatisierten Verengungsschutzmechanismus entwickelt haben. Die Tür zum Badezimmer steht offen. Nichts. Keiner belegt das Klo, keine Duschorgien mit Überschwemmungsgefahr des gesamten Badezimmers. Keine AA oder Parfum geschwängerte Luft, oder am besten gleich beides zusammen. Nichts. Ich mache mir einen Kaffee, einen großen Kaffee, in einer großen Tasse, mit Milchschaum, viel Milchschaum. Ich trinke ihn. Alleine. Langsam. Ich könnte Zeitung lesen, eine Gesichtsmaske könnte auch nicht schaden, mit einer Freundin tanzen gehen, kochen, was nur ich mag, Yoga machen, stundenlang, endlich mal wieder ein Buch lesen, Maniküre, Massagen vielleicht…

Ich mache nichts. Ich höre der Stille zu. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.

P.S.: Für alle, die sich jetzt wieder Sorgen machen. Ich liebe meine Kinder. Über alles. Gehen sie mir manchmal ganz furchtbar auf den Wecker? Aber sowas von! Darf und muss man, wenn es möglich ist, die Zeit ohne Kinder genießen? Unbedingt! ❤

© Sunny Möller

Allgemein, Alltagstauglich, Stimmungslage, Zeitgeschehen

Wenn Patch nicht workt

Beim Patchwork, auch Flickenwerk genannt, werden kleine oder größere Stücke aus Soff, Leder, Filz, Pelz, Gewebe aus Seide, Leinen und ähnlichem zu einer größeren Fläche aneinander oder aufeinander zusammengenäht. Ob sie wirklich zusammenpassen oder wollen, können sie nicht äußern, das entscheidet der Patchworker.

Da mittlerweile fast jedes zweite Ehepaar geschieden wird und oftmals Kinder beteiligt sind, kommt nunmehr immer mehr die Patchworkfamilie in Mode. Zwei völlig fremde Familen flickt und schustert man zusammen, denn wat mutt, dat mutt. Wohnt man nah beieinander, werden im Wechselmodell wöchentlich die Kinder ausgetauscht, Stief- und leibliche Kinder verstehen sich, spielen zusammen Ball und gucken abends zusammengekuschelt Sandmännchen. Man trifft sich am Wochenende zum gemeinsamen Grillen und Ex-Mann und neuer Freund schlabbern gemeinsam ein Bierchen, während Ex-Frau und Freundin bei einem Prosecco Rezepte tauschen.

So, oder so ähnlich habe ich mir das vorgestellt. Ich habe es jedenfalls für alle Beteiligten gehofft. Ich würde davon allerdings niemals betroffen sein, denn mein Mann und ich würden mit 70 noch zusammen sein und hädchenhaltend auf einer Parkbank sitzen und unseren Enkel beim Spielen zuschauen. Genau so würde es sein.

Doch dann war plötzlich alles ganz anders. Mein Mann war plötzlich nicht mehr mein Mann und ich fragte mich, ob ich auch irgendwann mit ihm durch die Fußgängerzone gehen würde, um ihn dafür fertig zu machen, dass ich mein halbes Leben lang unglücklich gewesen bin. Würde ich ihm morgens in den Kaffee spucken und meine einzige, verbliebene Freude wäre es, ihm zuzuschauen, wie er ihn trinkt?

Dann verliebte ich mich, keine Affäre oder Liebelei. Ich verliebte mich in einen Menschen, der all das in mir sehen konnte, was ich selbst nicht mehr sah. Was danach folgte, war weder Patch noch work, es war nur Hope for Staying Alive. Kampf, Hass, Trauer, Vorwürfe, ein Ziehen und Hacken in jede Richtung, die wehtut und dabei waren Kinder, die man mit allen Mitteln von diesem sinkenden Familienschiff zu retten versuchte. Oftmals saß ich weinend im Schrank, damit meine Kinder nicht davon wach wurden. Keine Zeit zu trauern, denn sie beobachten dich. Wenn Mami jetzt nicht funktioniert oder einbricht in ihrer Angst und den Gefühlen, zieht sie die Kleinen mit sich. Weiter, weiter, bloß nicht nachdenken und wie soll man da die neue Liebe kosten und frei zusammenwachsen? Gefühlt oftmals völlig aussichtslos.

Doch wenn du fühlst, dass es sich lohnt, stehst du wieder auf, gehst weiter um erneut zu fallen, bleibst schon etwas länger stehen, hörst wieder Lachen und ein freies Atmen, wirst geschubst und fängst manchmal noch an zu treten. Doch ganz zum Schluss, nach sehr viel Zeit, hast du es geschafft, die Nähte halten und die Flicken passen wie von Zauberhand zusammen und endlich workt das Patch! Immer? Nein, nicht immer! ❤

© Sunny Möller

Zur Info

Stieffamilie (ahd. stiof-, ‚hinterblieben‘, ‚verwaist‘) ist eine Familie, bei der mindestens ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Beziehung in die neue Familie miteingebracht hat. Im Rahmen der soziokulturellen Veränderungen der Lebensformen wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familien mit Pflegekindern in der soziologischen Literatur unter diesen Begriff gefasst.

Eine alternative Bezeichnung für diese moderne Definition ist Patchworkfamilie[4] (engl. patchwork, ‚Flick-‘, ‚Stückwerk‘) bzw., vollständig aus dem Englischen übernommen, Patchwork-Family.

Begriffsursprung:

von stief, mit der ursprünglichen Bedeutung: beraubt, verwaist

© Wikipedia, Duden

Allgemein, Kinderwelt

Ich bin die Allerschönste!

7.00 Uhr (Frühstück, mein 12jähriger Sohn kuschelt sich an mich)

Luke:“Weißt du eigentlich wie schön du bist? Gestern beim Elternabend (mit Kindern, Anm. der Mutter) haben dich alle Väter angeschmalzt. Und die Mütter waren alle neidisch, dass du nach zwei Kindern noch so eine Wahnsinnsfigur hast! Und du siehst so jung aus. Ich glaube ein paar haben gedacht, du bist meine ältere Schwester!“

Ich:“Was willst du?“

Luke:“Taschengeld ist alle!“

….er hat das Prinzip von Fördergeldern bestens verstanden! 😀

(c) Sunny Möller

Allgemein

Instabauch

Ich probiere mich ja gerade ein bisschen bei Instagram aus.Klar suche ich besonders nach meinem Themenkreis. Ist das normal, dass die Frauen sich ständig bauchfrei vorm Spiegel fotografieren? Mit einem Sixpack wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Zeiten!!! Und dabei haben die noch mindestens zwei Kinder und nen Hund! Und die Wohnungennnnn!!!! Blitzblank gestylt, da hat nicht mal ein Kissen nen Knick! Und dann posten Sie auch noch ein Foto mit der Unterschrift:“Heute mal wieder das totale Chaos!“ Ich such das jetzt noch, das Chaos! Sperren die ihre Kinder irgendwo ein? Vielleicht sollte ich weniger Oreos essen und den Kindern verbieten, dreckig zu sein?! Vielleicht im nächsten Leben! Irgendwo in Sagrotanien…

P.S.: Ich guck mir die Bilder aber trotzdem dauernd an! Ist wie Jane Austin im Fitness-Studio!😂

Wer bei mir mal stöbern möchte ohne Bauch und Schicki-Wohnung: Lilu_bee_ bei Instagram

(c) Sunny Möller

Alltagstauglich

3 Tage – 3 Leben

Ich habe zwei Kinder. Das Wunderbarste und Nerven aufreibendste, was das Universum zu bieten hat. Keine Mutter, kein Vater, der das nicht nachempfinden kann.

Neben all dem Alltäglichen passieren Dinge, auf die wir nicht vorbereitet sind. Keiner hat uns gebrieft, geschult oder aufgeklärt, was dann zu tun ist. Kinder wollen selbstständig sein, wollen helfen. Dinge tun wie die Großen.

Ein gellender Schrei erschüttert die Wohnung. Mein Blut gefriert. Das ist kein normaler Schrei, kein „aua“ im herkömmlichen Sinn.

Mein Sohn liegt am Boden, reißt sich die Socke vom Fuß und seine Haut gleich mit. Er wollte mir helfen. Er wimmert.

„Mami, du hast doch Rückenschmerzen! Ich wollte etwas für dich tun!“

Kochendes Wasser, überall, mein Kind mittendrin. Krankenhaus, sofort. Narkose. Letzter Blick, Schmerz verzerrt, 10 Jahre, aber doch immer mein Baby. Eine Stunde später. Kinderstation. Mein Kind wird wach. „Wo bin ich, ist mein Bein weg?“ Schläft wieder ein.

Ich werde ruhiger. Alles wird gut. Nichts Schlimmes wird bleiben.

Auf seinem Zimmer liegt noch ein Junge, 13 Jahre. Er spricht nicht, lächelt traurig. Wird untersucht. Eine große Narbe, lange verheilt. Ängstlicher Blick. Jemand kommt. Sein Vater? Nein, sein Onkel. Er hat ihn geholt. Aus Syrien. Knochenkrebs. Keiner kann helfen, in seinem Land. Jetzt ist er hier, ohne Sprache, ohne Eltern, aber mit Hoffnung, auf ein Leben, gesund. Sein Onkel lächelt. „Wir schaffen das, als Familie. Alle für einen. Immer, bis zum Schluss.“

Ich werde traurig. Wird alles gut? Wird nichts Schlimmes bleiben?

Der nächste Tag, neues Zimmer, anderes Kind. Kind? Ein junger Mann eher. 17. Fragender Blick. Wache Augen, nicht dumm. Verzweifelt. Wohin? Eine Nacht mit dem Käptn, Herrn Jägermeister und einem Appel. Weggeschossen, alles, für den Moment. Kommt alles wieder, mit der Mutter ins Zimmer. Beschämter Blick. Warum? Darum! Kein Gespräch! Nur Wut! Keine Hoffnung. Ich muss fragen. „Was willst du machen, mit deinem Leben?“

„Kochen! Ich wär gerne Koch! Wenn du siehst, das fertige Essen, das ist dann wie Kunst!“

Ich werde nachdenklich. Wird alles gut? Kann ich nicht sagen.

Überall Leben! Schaut hin!

© Sunny Möller