Allgemein, Stimmungslage, Wortkunst

Über die Liebe…

Lyrik, Dramen, eigenes Empfinden. Ich war auf der Suche nach meiner engsten Vertrauten, der Liebe. Ich wollte sie fassen, sie benennen, ihr eine Form geben, um sie zu verstehen.

Sie sträubt sich, zeigt mir immer neue Gesichter, wandelt sich vom schönsten Schein zur Angst einflößenden Fratze. Sie will nicht, dass ich sie ertappe, in einer ihrer Metamorphosen. Sie versteckt sich, kommt und geht, wann sie will.

Hält mir die Augen zu, nimmt meine Hand, führt mich über Schluchten, um mich in die tiefste zu stürzen. Sie lässt nicht mit sich reden, jede Verhandlung ohne Erfolg. Sie zeigt kurz und arrogant ihr Gesicht, die Amazone unter den Gefühlen.

Bringt neue Begleiter mit auf ihren Weg. Leidenschaft, Verlangen, Hingabe und die schlimmste ihrer Verwandten, die Bedingungslosigkeit. Kommen sie zusammen, ergibst du dich hilflos. Freier Wille? Vielleicht! Bis wann? Unbeantwortet.

© Sunny Möller

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Allgemein

Ausdrucksschwäche

Manchmal fangen Geschichten mit einer Mandelentzündung an. Ich konnte nicht sprechen, nichts sagen, nichts fragen, nichts bejahen oder verneinen, nichts vormachen oder vortäuschen, nicht lügen, war einfach nur mit mir, in mir. Und hörte die Welt da draußen, von einer anderen, stillen Seite. Wie würde es wohl sein, nie wieder eine Sache zu können, die mir so selbstverständlich in die Wiege gelegt worden war? Fehlten meine Beine, würde ich aufhören zu laufen? Wenn ich blind würde, könnte ich nicht mehr sehen? Ohne zu hören, keine Musik mehr? Könnte ich Frieden damit schließen? Würde ich verhindern, dass man mich behindert?

Mein Kinder und ich erfinden Geschichten. Eine heißt „Stein verliebt sich“. Kieselda und Backus lernten sich in einer, für Steine typischen Szenerie kennen, einem Steinbruch. Familie Kiesel und Familie Backstein waren schon lange Zeit zerstritten. Warum, wussten sie eigentlich nicht. Sie waren nie in der Lage, sich ihre Gefühle und Gedanken mitzuteilen. Sie waren eben anders, nicht vom gleichen Stein. Und doch verliebten sich das Kieselmädchen und der rote Backsteinjunge. Wie sie es erkannten? Die Farbe der Liebe ist rot, da war es für den Jungen einfach. Das Mädchen wartete bis zum Sommer, auf die herab fallenden Kirschen, um sich zu offenbaren. Und sie fanden ihre Sprache, in den Dingen, die sie umgaben. Der Regen brachte die Traurigkeit, die Sonne die Freude. Nah am Feuer brannte die Leidenschaft, der Schnee das Abkühlen der Beziehung. Wut zeigte sich im vorbei fahrenden Müllwagen, Angst hatten sie im Schatten großer Blätter. Ihre Liebe war lebendig, nie annähernd `kalt wie Stein´!

Ich bin wieder gesund, meine Stimme hat wieder eine Stimme. Aber selbst wenn nicht, ich würde einen Weg finden, mich auszudrücken. Und seht ihr irgendwo einen Stein am Straßenrand, bitte nicht dagegen treten. Er könnte verliebt sein.

 

© Sunny Moeller

Allgemein, Alltagstauglich

Klimper, klimper, sülz, sülz…

Draußen ist es grau, diese Art von grau, die Selbstmörder auf die Hochhäuser treibt. Und Leute wie mich, in Schlabberlook, mit Zeitung, ins nächste, gemütliche Café. Leise Musik, dampfender Kaffee reichen aus, um diese Nichtfarbe zu vergessen. Aber wie es so ist, geht es mir in Café´s ungefähr so, wie in Supermärkten! Ich stehe immer in der falschen Schlange und ich sitze immer am falschen Tisch!

Neben mir sitzt ein verliebtes Pärchen! Sie kuhäugig, er begattungsfreudig.

„Ich liebe dich!“ Klimper, klimper…

„Nein, ich liebe dich!“ Seiber, sabber, geifer…

„Ich liebe dich mehr!“ schlabber, sülz…

„Das kann nicht sein, mein Herz zerspringt gleich vor Liebe!“ (oder die Hose vor Geilheit)

Kicher, kicher, schmunzel, schmunzel, nestel, nestel….Die Bedienung kommt.

„Was kann ich euch bringen?“

Das Liebes-Duo fängt gleichzeitig an zu sprechen und dann das Ganze noch mal von vorne. Kicher, kicher, schmunzel, schmunzel, nestel, nestel, fummel, fummel…

„Robert, wir wollten beide das gleiche sagen! Wir sind total seelenverwandt. Das ist so crazy!“

Die Bedienung und ich gucken uns an. Augenrollen. Schließlich schaffte er es, alleine zu reden.

„Wir hätten gerne einen Caramel Macchiato, einen Café Latte (war klar, Anm. der Redaktion) und einen Chocolate Chunk Brownie!

Zwei Minuten später kommt das Bestellte. Robert holt seine Zunge aus der Kuhäugigen. Ich fand das Knutschen nicht schlecht. In der Zeit redeten sie wenigstens nicht. Sie nahmen beide den ersten Schluck ihrer Heißgetränke und natürlich hatte sie etwas Milchschaum an der Nase. Robert war entzückt!

„Ach, mein süßes Lämmchen. Das sieht ja so süß aus mit deinem weißen Näschen. Komm, ich küss es dir ab!“

Kicher, kicher, schlabber, sabber, schleck, schleck, leck, leck.

Kann man morgens um elf schon Hochprozentiges bestellen? Jetzt beginnt das Gegurre um das Backwerk.

„Beiß du zuerst ab, Robert! Süßes für meinen Süßen!“

„Nein, Hasi! Du zuerst, büüüüütttteeee! Meine kleine Zuckerschnecke!“

„Nein, du!“

„Du!“

Grins, streichel, tätschel, kraul.

„Duhuuuu!“

„Neieiiiin!“

„Dohochhhh!“

Sie schnäbeln und gäbeln, doch keiner wagt den Schritt zum ersten Biss. Mu mu mu mu, ich werde ihnen helfen!

Ich stehe auf. Gehe hin. Grinse an. Nehme Brownie. Beiße ab. Gehe weg.

Vielleicht werden sie nächstes Mal zwei bestellen.

© Sunny Möller

Allgemein

Weißt du, was du willst?

Ich weiß, was ich will

Ich will dich fühlen

Wenn der Morgen erwacht

Mit dir den Tag verbringen bis in die Nacht

Und glauben nirgends ist ein Ende in Sicht

Nein, für uns nicht

Ich weiß, was ich will

Ich will die Leidenschaft

Mit der du mich liebst

Die sanfte Zärtlichkeit

Wie du sie mir gibst

Die Illusion

Du lebst allein nur für mich

Die brauche ich

Ich weiß, was ich will

Ich will, dass endlich etwas Neues beginnt

Dass wir wie ein Gedanke, ein Körper sind

Das ist mein Ziel

Sag‘ mir nur eins

Will ich zuviel?

Ich weiß, was ich will

Dir alles zeigen

Was ich jemals gesehen

Was du auch immer tust

Verzeihen und verstehen

Was ich noch nie vorher im Leben getan

Fang‘ ich jetzt an

Ich weiß, was ich will

Ich will dich nie mehr aus den Augen verlieren

Will deine Hände sanft und weich auf mir spüren

Glauben daran, dass es auch so weitergehn kann

Ich weiß, was ich will

An einem leeren Strand allein mit dir sein

Und alles tun, was man so tun kann zu zwein

Und kein Gedanke von uns bleibt ungesagt

Nichts wird vertagt

Ich weiß, was ich will

Wie ein Zigeuner durch die Welt mit dir ziehen

Dem ganzen Zirkus dieses Daseins entfliehen

Und alles das

Bis uns die Sinne vergehen

Wär das nicht schön?

Ich weiß, was ich will

Dass jede Nacht für uns zum Karneval wird

Und jeder Weg nur zueinander uns führt

Das ist mein Ziel

Sag‘ mir eins: will ich zuviel?

Ich weiß, was ich will

Ich will dich ganz und gar und immer um mich

Was uns im Wege steht

Das ändere ich

Ich hab‘ noch nie im Leben Berge versetzt

Ich tu‘ es jetzt

(c) Udo Jürgens

Allgemein, Alltagstauglich

Ich bin ein Ofen der Liebe…

Luke hat Pubertät. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich selbst in dieser Umbruchphase steckte. Allerdings ging es bei mir darum, meine Brüste zu hypnotisieren, damit sie endlich auf eine annehmbare Größe wachsen würden, oder ich versuchte, meine Haare so geschickt zu drapieren, dass man den Riesenpickel auf meiner Stirn nicht sehen konnte. Natürlich hatte ich daran rumgedrückt und Zahnpasta drauf geschmiert, weil mir eine Freundin erzählt hatte, dass er dann am nächsten Tag weg sei. War er natürlich nicht, eher doppelt so groß. Und ich war häufig ziemlich schlecht gelaunt. Die Haare zu dünn, die Beine zu dick und niemals eine Chance bei dem Jungen, in den ich schon seit einem halben Jahr verliebt war. Mit 15 sind 6 Monate eine Ewigkeit.

Nicht so mein Sohn. Er raucht nicht, trinkt nicht, geht noch nicht großartig auf Partys und wenn ich nicht wüsste, dass er 15 ist, würde ich sagen, der Pubertätskelch ist an ihm vorbei gegangen. Eigentlich ist er das bis jetzt auch und das, was heute passiert ist, nennt man nicht Pubertät, man nennt es LIEBE. Und diese Phase kann in jedem Alter auftreten.

„Mama, ich bin ein Ofen der Liebe!“

Mein Kind tanzt durch die Küche und ich verstehe das erste Mal die Bedeutung „von einem Ohr zum anderen grinsen“.

„Du bist ganz rot, hast du Fieber?“

Er tanzt weiter und fasst sich ans Herz.

„Nein, in mir brennt die Leidenschaft! Fühl mal mein Gesicht, das ist ganz heiß.“

„Fieber!“

„Niemals, ich weiß ja nicht, ob du schon mal verliebt warst, aber es ist das beste Gefühl, was es gibt!“

Er fragt mich nicht wirklich, ob ich schon mal verliebt war…

„Habt ihr geknutscht?“

Er guckt mich halb belustigt, halb empört an.

„Neihen!! Und wenn würde ich es dir nicht erzählen.“

„Aber, dass du ein Ofen der Liebe bist?“

„Genau! Was für ein Gefühl!“

Ich versuche mich an meinen ersten Kuss zu erinnern. Oh mann ja, das hat wirklich was von einem Ofen, der lichterloh brennt.

© Sunny Möller

Allgemein

Schnipp schnapp, ich bin toll!

Wie oft sagt ihr euch eigentlich selbst, dass ihr toll seid? Und ich rede jetzt gar nicht von großen Karrieresprüngen, dem geschafften Marathon oder dem dicken Gehaltsscheck. Ich rede von den kleinen, ganz alltäglichen Dingen. Eine gute Freundin bat mich bei einem Treffen darum, alle Dinge aufzuschreiben die ich gut kann. Ich jammerte ihr mal wieder die Ohren voll, was ich alles nicht schaffe, dass ich nicht den Erfolg habe, den ich gerne hätte, bla, bla, bla und immer so weiter. Ich kann mich da herrlich reinsteigern.

„Schreib auf, was du alles kannst!“

„Na ja, da kommt jetzt nicht so viel zustande!“

„Kannst du laufen?“

„Klar, das ist ja wohl selbstverständlich!“

„Nein, das ist es nicht!“

„Haben du und deine Kinder genug zu essen?“

Ich schaute auf die Shrimps, die zum Auftauen auf dem Tisch standen.

„Ja klar, sicher. Aber das ist doch kein besonderes Talent oder Leistung.“

„Bist du eigentlich total bekloppt? Sunny, ich hab dich echt lieb, aber manchmal geht mir deine Selbstschlechtmacherei echt auf die Nerven. Los, schreib jetzt auf, was du gut kannst oder was du toll an dir findest! Nicht unter 10 Punkten. Jede noch so banale Sache, von der du denkst, sie sei nicht wichtig.

„Okayey!!!“

1. Ich kann gut zuhören
2. Ich kann gut schreiben
3. Ich kann mit Kindern richtig gut Quatsch machen
4. Ich bin eine gute Freundin
5. Ich bin richtig hübsch
6. Ich kann gut küssen
7. Ich kann mit den Händen meine Zehen berühren
8. Ich kann Kopfstand
9. Ich kann über mich selbst lachen
10. Ich kann faul sein

Punkt Nummer 5 hat sich komisch angefühlt, das kann man doch nicht über sich selber sagen. Doch kann man, muss man sogar. Beim Schreiben dieser 10 Sachen bekam ich auf einmal ein gutes Bauchgefühl. Wir warten immer darauf, dass uns andere gut bewerten, dabei sollten wir die ersten sein, die uns loben oder toll finden. Sch… auf Eigenlob stinkt.

Plötzlich musste ich an den Schnipp schnapp Kelch aus dem Film „Natürlich blond“ mit Reese Witherspoon denken. Man schreibt einen Zettel, was man an jemandem toll, wirft ihn ihn einen „Kelch“ und anschließend zieht jeder einen Zettel und liest ihn laut vor. Und dann „Schnipp schnapp für…

Wir haben es ein bisschen verändert. Abends schreibt jeder einen Zettel für sich und jemand anderen. Am nächsten Tag werden die Zettel vorgelesen. Und dann heißt auch immer wieder schnipp schnapp für mich! Probiert es aus, unglaublich, was diese Art der Wertschätzung für jeden bedeutet. Weil man es einfach zu wenig macht.

Was fällt euch ein? Nennt mir 10 Punkte, warum ihr toll seid!!! Traut euch!!! Schnipp schnapp für euch!!!

© Sunny Möller

Allgemein, Alltagstauglich, Stimmungslage

Der letzte Umzug

„…und dann verlasse ich meine Zuhause und schaue nicht mehr rechts und links und schon gar nicht mehr zurück.“ Ich musste schlucken. So sollte es also zu Ende gehen? Ein Leben, vierzig Jahre in der selben Wohnung, Kinder groß gezogen, Menschen ein und ausziehen gesehen, mit manchen so etwas wie Freundschaft geschlossen, manche etwas kritisch beäugt, weil sie so gar nicht dem eigenen Lebensstil entsprochen hatten.

Und doch war immer so etwas wie Leben in der Bude gewesen. Als ich vor sechs Jahren hier eingezogen bin, allein, mit zwei kleinen Kindern, wollte ich eigentlich nichts mit den restlichen Bewohnern dieses Hauses zu tun haben. Zu sehr quälten mich meine eigenen Dämonen und die Angst, wie es denn jetzt wohl weitergehen würde.

Über mir eine ältere Dame, die ständig etwas zu meckern hatte. Entweder die Kinder waren zu laut oder ich hatte mal wieder vergessen, den Hausflur zu wischen. Agathe fand immer einen Grund, irgendetwas an mir zu bemängeln. Über die Jahre wurde es besser, Agathe immer schwerhöriger, was sie allerdings als meinen Erziehungserfolg feierte. „Frau Möller, Ihre Kinder höre ich ja überhaupt nicht mehr. Das haben Sie aber gut hinbekommen.“ Sagte sie, während mein Sohn im Hintergrund Schlagzeug spielte und meine Tochter lauthals „We will rock you“ brüllte.

Nach einem Nachbarschaftsgrillen“ im Gemeinschaftsgarten, drei Bierchen und dem Du-Angebot war das Eis dann endgültig gebrochen. Ich erfuhr viel von ihrem Leben, ihren drei Kindern und der einen Tochter, die sich aus unerfindlichen Gründen von ihrer Mutter losgesagt hatte. Den Mann, den sie zwischenzeitlich einmal verlassen hatte, weil er sich wie ein totaler Idiot benommen hatte. Man fand jedoch wieder zusammen, denn „Weißt du Sunny, drei Kinder, das verbindet doch irgendwie.“ Mich haben zwei Kinder nicht dazu gebracht, zu meinem Idioten zurückzukehren. „Das ist schon in Ordnung, hast ja jetzt einen ganz stattlichen Ersatz gefunden.“ Ich muss heute noch darüber lachen. Stattlich, ein Begriff, der heute viel zu selten im Gebrauch ist.

So war das mit Agathe. Sie wurde älter und so langsam machte sich auch bei ihr das Alter bemerkbar. Sie wurde schwächer, plötzlich stand ein Rollator im Hausflur, eine Pflegerin kam mehrmals die Woche, die sie bei den alltäglichen Dingen unterstützte. Trotz alledem war sie noch voll dabei und mittlerweile hatte ich sie richtig lieb gewonnen.

Als ich Donnerstag von der Arbeit nach Hause kam, hing ein Zettel am schwarzen Brett des Hausflurs.

Liebe Nachbarn,

ich ziehe nächste Woche in ein Altersheim. Ich habe die Zeit mit Ihnen und
euch hier sehr genossen. Ob es bei einem Schnäpschen im Garten war oder ein
kurzer Klönschnack im Hausflur. Es war für mich eine sehr schöne Zeit. Ich
werde das alles sehr vermissen.

Eure/Ihre Agathe Heinze

Ich konnte es nicht fassen. Es lief doch alles ganz gut und unsere tolle Hausgemeinschaft sorgte dafür, dass immer jemand zur Stelle war, wenn Agathe Hilfe brauchte. Ich schnappte mir eine Flasche Prosecco und klingelte bei Agathe. Als sie die Tür öffnete, sah ich ihre verweinten Augen. Hilflos, wie ich manchmal in solchen Situationen bin, nahm ich sie einfach in den Arm. „Agathe, was machst du denn nur für Sachen?“ Sie fing wieder an zu weinen.

„Meine Tochter sagte, das ist das Beste für mich. Und dann bin ich ja auch in ihrer Nähe.“ Sie sah nicht sehr überzeugt aus. „Kannst du denn deine Sachen mitnehmen? Vielleicht dein Bett oder deinen Lieblingssessel?“ Sie wischte sich die Tränen mit einem Stofftaschentuch ab, auf dem ihre Initialen eingestickt waren. „Ich kann mein Kopfkissen mitnehmen, alles andere ist schon da.“ Ich stellte mir vor wie ein alter Mensch alles zurücklassen musste, was ihm lieb und teuer war. Sicher konnte sie ein paar Kleinigkeiten und Erinnerungen aus ihrem Leben mit in dieses Heim nehmen. Doch sie würde mit über achtzig Jahren ihr Leben verlassen müssen. Die Vorstellung, dass es mir später einmal ebenso ergehen könnte, wollte ich nicht an mich heran lassen. „Und wann geht es los?“

„Übermorgen. Ich habe nicht so schnell mit einem freien Zimmer gerechnet. Ich war Platz sieben auf der Warteliste und nur wenn einer stirbt, wird ein Platz frei. Da sind wohl ziemlich viele, ziemlich schnell gestorben.“ Sie fing wieder an zu weinen. „Platz sieben Sunny, ich war doch erst Platz sieben!“

Ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. Wir tranken ein Glas Prosecco. Dann drückte sie meine Hand. „Ich werde mich nicht einmal umdrehen. Weißt du, was das Schlimmste ist? Von da werde ich nirgendwo mehr hinziehen. Das ist die letzte Station.“ Dann begann sie wieder zu weinen.

Diese Sache hat mich zutiefst erschüttert und sehr bewegt. In Würde zu altern und schwächer zu werden, hat in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr. Je nach finanzieller Situation, landen alte Menschen meist in besseren Aufbewahrungslagern, möglichst weit weg von der jungen, leistungs- und lebensfähigen Gesellschaft. Es muss doch einen Weg geben, bei dem beide Lebensabschnitte zusammen koexistieren können oder sogar voneinander profitieren. Man sollte nicht vergessen, dass wir auch irgendwann einmal diesen Lebensabschnitt erreichen werden.

© Sunny Möller